Tournament

This is only a fragment. I don’t know if or when I am going to continue it. I guess this is mostly a by-product of having spent too much time playing Unreal Tournament…

Es ist dein achtes Turnierspiel und du weißt schon nicht mehr, wie oft du in einem neuen Körper wieder zu dir gekommen bist, nachdem ein anderer Spieler dich in Stücke geschossen hat.

Der Vorteil eines Ligaspielers wie dir ist, daß immer genügend geklonte Körper für dich in Reserve gehalten und dein Vertrag dir garantiert, fortlaufend wieder in Stand gesetzt zu werden. Jeder geklonte Körper ist eine perfekte Kopie deines ursprünglichen Körpers, jedoch ohne Erinnerungen, Persönlichkeit oder Bewußtsein. Eine leere Hülle ohne Leben, die auf ihre Animation und das Einspielen eines Bewußtseins wartet.

Nach Ablauf deines Vertrages steht dir auch wieder ein gesunder Körper mit uneingeschränkter natürlicher Lebenserwartung zu. Bis dahin bekommst du nur Körper mit einer in den Erbanlagen festgelegten maximalen Lebenserwartung bis zum Ende des Turniers. Das garantiert, daß du als Spieler nicht vorzeitig aus der Liga aussteigst, nachdem du einen Frag, also einen Lebenspunkt und mithin ein tatsäcliches Leben, zuviel verloren hast, die seelische Belastung und die ständige Gewalt nicht mehr aushältst und dich nicht mehr abschlachten lassen willst.

Nach einem verlorenen Frag wird dein Gedächtnis mit etwas Glück bis zu dem Zeitpunkt des Todes rekonstruiert. Sollte das mangels Masse nicht mehr gehen, weil dein altes Gehirn beispielsweise nur noch als Gelee an einer Wand in der Arena existiert, wird der Gedächtnisstand wieder eingespielt, der kurz vor Beginn des Spieles aufgezeichnet wurde. Den Rest mußt du dir dann, wie alle mordlustigen Zuschauer da draussen auch, die die Liveübertragung des Spiels verpaßt haben, per Aufzeichnung ansehen, um zu wissen, wer deine Revanche verdient hat.

Das Verfahren der Rekonstruktion dauert zwar mittlerweile nur noch wenige Minuten, weil immer ein komplett ausgebildeter Körper mit leerem Hirn auf dich und deine Erinnerungen wartet, aber es ist nicht gerade billig und für den normalsterblichen Menschen von der Straße unerschwinglich. Im Vergleich zu den Einnahmen durch Wetten, Werbung und sämtlicher Merchandiseartikel sind die Kosten für die Tournament Corporation jedoch eine vernachlässigbare Größe geworden. Das Turnier ist zum einträglichsten Industriezweig nach Nahrung und Rüstung geworden und die Corporation kann sich einige Dutzend kostspieliger Stars wie dich aus der Portokasse leisten.

Aber täglich mehrmals zu sterben ist auch eine sehr schmerzhafte und zuweilen traumatische Methode, sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Dennoch symbolisierst du für die Masse den Traum von Unbesiegbarkeit und Unsterblichkeit und Millionen würden ihre Seele dafür verkaufen, an deiner Stelle zu sein. Und vielleicht hast du das auch getan, deine Seele verkauft, als dein Bewußtsein das erste Mal in einen geklonten Körper transferiert wurde. Der Lebensstil und die Bekanntheit eines Gottes aus dem Olymp haben eben ihren Preis. Du fühlst jedenfalls keinen Unterschied, auch wenn du nur eine Kopie deiner selbst bist, und wenn du das Turnier gewinnst, ist deine Trophäe die Unsterblichkeit in Form eines unlimitierten Anspruchs auf Ersatzkörper, wenn deine alte Hülle den Weg allen Seins gegangen ist.

Die Bilder deines kürzlichen Todes blitzen noch einmal durch deinen Kopf, bevor du die Augen öffnest und wutentbrannt von dem Animationstisch aufspringst. Du achtest nicht mehr auf das ganze medizinische Personal und die unteren Executives um dich herum, sondern greifst dir sofort eine frische Uniform und springst in sie hinein.

Du kennst die Szene in dem Animations-OP mittlerweile zur Genüge und befaßt dich nicht mehr mit den Themen Bewußtseinstransfer oder Klonen und wunderst dich auch nicht mehr darüber, daß du wieder in einem intakten Körper weiterlebst. Auch für die sterblichen Überreste deines alten Leibes, der auf einem zweiten Tisch direkt neben dir liegt, damit man ihm dort die letzten Gedächtnisfetzen entnehmen konnte, hast du nur noch selten einen Blick übrig.

Es wäre deutlich effizienter und für dich selbst auch weniger traumatisch, dir jedesmal nur die vor dem Spiel gespeicherten Erinnerungen zu implantieren. Der Grund, warum man sich aber die Mühe macht, deine Leiche zu bergen und soviele deiner Erinnerungen wie möglich zu rekonstruieren und sie dir in dein neues Leben mitzugeben ist, daß es dich zu einem immer besseren, rachgierigen bösen Gladiator werden läßt. Das macht die Spiele spannender und steigert damit die Umsätze.

Zum anderen dient es auch der Forschung, um die sogenannte Blackout Zeit der superreichen Kundschaft immer weiter zu reduzieren, so daß ihr Bewußtsein immer nahtloser vom Zeitpunkt des letzten Todes fortgesetzt werden kann, selbst wenn dieser bei einem extremen Unfall eingetreten ist und man nicht auf eine vielleicht wochenalte Bewußtseinssicherung zurückgreifen muß und dem Kunden somit wertvolle Zeit in seinen Erinnerungen fehlt.

Du setzt dir dein Intercom auf und wirfst einen Blick auf den modifizierten Chronometer an deinem linken Unterarm, das dich mit spielerelevanten Informationen versorgt. Du liegst zwei Frags hinter dem Favouriten zurück und das Match geht nur noch zweiundvierzig Minuten. Du greifst dir deine Waffe und rennst unter den Augen einiger Videokameras durch einen langen Tunnel hinaus auf das Spielfeld, eine alte Fabrikanlage aus dem späten zwanzigsten Jahrhundert, die ein geniales Schlachtfeld für Sniper, Scharfschützen, liefert.

Kaum erreichst du das Ende des Tunnels, fliegen dir schon die ersten Querschläger um die Ohren. Verfuckter Camper! zischt dir ein grimmiger Gedanke in neudeutscher Sprache durch den Kopf. Aber ein Sniper, der beim ersten Schuß nicht trifft, ist ein toter Sniper. Diese Lektion wirst du ihm jetzt beibringen.

Du rennst auf einen umgefallenen Metallträger zu und wirfst dich dahinter auf den Boden, spürst das Pumpen deines Herzens, wie dein Körper Adrenalin ausschüttet, deine erhöhte Atemfrequenz. Du zwingst dich zur Ruhe, konzentrierst dich auf deine Umgebung. Eine Lichtreflektion seines Zielfernrohrs verrät die Position des anderen Schützen und du visierst ihn mit deiner eigenen Waffe an. Dein Finger gleitet zum Abzug und betätigt ihn. Sofort darauf siehst du wie der Kopf des Anderen unter deinem Fadenkreuz explodiert und der Körper leblos mehrere Meter zu Boden fällt.

Dein Zielfernrohr sendet ebenfalls Bilder an die Sendezentrale und du weißt, daß die Zuschauer des Matches jetzt eine Großaufnahme deines Treffers zu sehen bekommen und eine mit Hall versehene Stimme dabei laut KOPFSCHUSS ruft. Du auf dem Schlachtfeld bekommst das nicht mit, aber du kennst es von den Aufzeichnungen, die du dir angesehen hast. Du tust deine Pflicht als guter Turnierspieler und sagst einen Spruch für deine Fans in dein Intercom: „Das nächste Mal solltest du besser zielen!“

Du hast jetzt zwar einen Frag aufgeholt, aber dein Konkurrent hat zwischenzeitlich ebenfalls wieder gepunktet, wie die Anzeige dir verrät. Noch achtunddreißig Minuten Zeit, drei Punkte zu machen, um sich an ihm vorbei in die Führung zu spielen.

Vorsichtig beobachtest du die Gegend erneut. Erst ohne, dann mit deinem Zielfernrohr, um andere Scharfschützen auf der Lauer ausfindig zu machen. Und in der Hoffnung, ein weiteres leichtes Opfer zu finden.

Fehlanzeige. Du springst wieder auf die Beine und rennst über das offene Feld auf den Schutz des verfallenen Gebäudes auf der anderen Seite zu, in der sich dein letztes Ziel verschanzt hatte, gehst in das Innere und kletterst einige Leitern hoch, um auf eine bessere Aussichtsposition zu gelangen, legst dich dort flach auf den Boden, das Gewehr im Anschlag, beobachtest wieder das Gelände, wirst dabei selbst von mehreren hochauflösenden Digitalkameras mit integrierten Richtmikrofonen in deiner Nähe beobachtet.

Du siehst, wie zwei Sanitätsroboter aus dem Tunnel kommen, um die Überreste des anderen Spielers einzusammeln. Ein Schuß fällt und einer der Roboter gerät leicht ins Taumeln. Jemand war dumm genug, die Droiden für andere Spieler zu halten und hat dadurch seine Position verraten.

Wieder wandert dein Fadenkreuz über eine Gebäudefront, wieder findet es ein Ziel. Du siehst das Gesicht einer schönen, amazonenhaften Frau mit eiskaltem Blick in deinem Sucher. Du kennst sie gut, hast zwischen den Spielen häufiger Sex mit ihr. Es macht euch an, miteinander zu schlafen nachdem ihr euch Stunden vorher mit Kugeln durchsiebt habt.

„Halt einfach nur still, Baby, und ich besorg es dir schnell und gut“ flüsterst du in dein Intercom und drückst ab. Du siehst die Explosion in deinem Zielfernrohr und die Punktestandsanzeige bestätigt umgehend deinen Treffer und du grinst zufrieden.

Ein Sniper, der am leben bleiben will, verläßt seinen Unterschlupf sofort nachdem er geschossen hat, also machst du dich auch so unauffällig wie möglich wieder auf und davon.

Das Carnivore-Ereignis

This text is from 2004 or older. And yes, it is only available in German. So far, all of my fictional writing still is in my native language. If you know somebody who would want to translate it to English (and is capable of doing so), please let me know.

”Wissenschaftler sollten Frankenstein als Pflichtlektüre lesen.”

– D.F. Jones, Colossus

”Sind wir soweit?” Nebe stand neben mir und sah durch die große Glaswand in das Labor, in dem die Versuchsapparatur aufgebaut worden war. Ich war der für das Experiment zuständige Informatiker, Nebe der leitende Physiker. Die letzten fünf Jahre hatten wir unter strengster Geheimhaltung auf dieser verlorenen Außenwelt an dem Projekt gearbeitet.

Carnivore lag weit ab von allem Linienverkehr und es gab auf dieser Welt nichts, daß irgendjemanden in der Galaxis interessieren könnte. Der Planet hatte zwar eine Atmosphäre, aber keine, die irdisches Leben ermöglichte. Deshalb brauchten wir auch keinen militärischen Schutz, der Neugierige auf die normalen Flugrouten zurücktrieb. Das Militär hätte bezüglich unserer uninteressanten Welt bestenfalls Neugierige angelockt.

Ich warf einen Blick auf die Monitoren. Ein letzter Test lief gerade zu Ende und bestätigte mir, was ich ohnehin schon wußte: Alle Systeme waren einsatzbereit und warteten nur darauf, aktiviert zu werden.

”Wir können loslegen, wenn sie wollen”, sagte ich.

Nebe vergrub die Hände in seinem Kittel. Er versuchte, Ruhe auszustrahlen aber ich wußte, daß er sich vor Aufregung beinahe auffraß. In wenigen Augenblicken würde er wissen, ob er mit seinen Überlegungen recht hatte. Es war sein Projekt. Die Arbeit seines Lebens steckte darin. In den Jahren, während deren er auf die Finanzierung durch die Regierung hatte warten müssen, arbeitete er die theoretischen Grundlagen bis ins letzte Detail aus. Unsere Arbeit hier war danach nichts anderes mehr, als seine Ideen in eine Form zu gießen. Und jetzt gleich sollte es soweit sein. Es würde sich zeigen, ob sein Traum wahr werden oder wie eine Seifenblase zerplatzen würde. Da war seine Aufregung nur allzu verständlich.

”Warten wir noch, bis die Stunde voll wird”, sagte er. ”Dann läßt sich der Zeitverlauf des Experimentes besser nachvollziehen.” Ein fadenscheiniges Argument, wenn man an die Computerüberwachung dachte. Es entsprach wohl eher der Wahrheit, daß er noch etwas Zeit brauchte, um sich auf den großen Moment vorzubereiten.

Um nicht sinnlos die Zeit verstreichen zu lassen, warf ich noch einen Blick auf die Monitoren. Auf einem der Bildschirme war die unbemannte Raumfähre zu erkennen, die uns regelmäßig mit frischen Vorräten und Materiallieferungen versorgte. Sämtliche Berichte wurden mit dieser Fähre zur Regierung entsendet, da wir auf Carnivore über keinerlei Kommunikationssysteme verfügten. Das Funkfeuer hätte uns verraten können, deshalb verzichteten wir auf die Möglichkeit der direkten Verständigung mit den Zentralwelten. Das Versorgungsschiff war startbereit, es wartete nur noch auf unseren Bericht. Wenn gleich alles gut ging, konnte es eine Erfolgsmeldung nach Hause tragen.

Auf einem anderen Bildschirm konnte ich einige der anderen Mitarbeiter erkennen. Es arbeiteten noch zehn weitere Wissenschaftler hier auf Carnivore, jeder von ihnen kam aus einer anderen Fachrichtung. Unser gesamtes Fachwissen war in das Projekt eingeflossen, woran deutlich wird, daß Nebes Theorie absolut interdisziplinär war.

Noch zwei Minuten. Nebe stand immer noch in der selben Position da und starrte wie gebannt auf die Versuchsapparatur. Langsam wurde ich auch nervös, ein Kribbeln in meinem Gesäß zeugte davon. Schließlich war ich auch nicht unbeteiligt an dem Projekt. Die gesamte Software, die hier zum Einsatz kam, war von mir. Und etliche hunderttausend Programmzeilen sollten in wenigen Sekunden erstmals aktiviert werden. Auch ich war gespannt, ob mein Anteil an der Arbeit erwartungsgemäß funktionierte.

Noch vier Sekunden.

Drei.

Zwei.

Eins.

”Aktivieren sie”, sagte Nebe. Also startete ich das System. Voller Erwartung starrte ich auf die Bildschirme, aber nichts tat sich. Sekunden verstrichen. Eine halbe Minute rann dahin.

”Was ist los?” Nebes Stimme klang aufgebracht.

”Ich weiß nicht…” begann ich, doch da kam die erste Meldung auf den Bildschirm.

Initialisierung abgeschlossen.

Subsystem I wird aktiviert.

”Na also”, sagte ich erleichtert. ”Bei der Menge an Daten, die da gerade geschaufelt worden sind, hätten wir eigentlich daran denken müssen, daß das seine Zeit braucht. Bis jetzt scheint jedenfalls alles wie erwartet zu funktionieren.”

”Warten wir lieber ab, ob die anderen Systeme auch starten werden”, sagte Nebe. ”Es geht hier ja nicht nur um die Software.”

Ich steuerte meinen Blick wieder auf die Bildschirme und verfolgte die Ausgaben, die im dreißig-Sekunden-Takt erschienen.

Subsystem I aktiviert.

Subsystem II wird aktiviert.

Subsystem II aktiviert.

Das ganze setzte sich über etliche Minuten so fort, bis schließlich die Meldung erschien:

Alle Subsysteme aktiviert.

Hauptsystem wird aktiviert.

”Jetzt wird es spannend”, brachte ich hervor. Kalte Schauern liefen über meinen Rücken. Gleich…

Hauptsystem aktiviert.

Systemauslastung: 100%.

Speicherauslastung: 100%.

Externe Systeme werden aktiviert.

Sofort begann die Versuchsapparatur zu arbeiten. Auf einem Außenmonitor war zu erkennen, wie einer unserer Ansaugstutzen außerhalb des Laborkomplexes Luft von der Oberfläche einsaugte. Ein paar Dutzend dieser Geräte hatten wir da draußen installiert. Diese Luft war der Rohstoff, den unsere Apparatur umsetzen sollte. Oder, um genauer zu sein: Die Atome der Luft.

Unser System konnte die Atome beliebig umformen, um zum Beispiel aus Sauerstoff Wasserstoff zu machen. Es war in der Lage, aus Luft Rohstoffe zu gewinnen. Mit diesem System konnte man aus Neongas Rohöl gewinnen, wenn man wollte. Die Vorgehensweise war so kompliziert und komplex, daß sie von einem Menschen oder einer Gruppe von Menschen nicht mehr kontrollierbar war. Deshalb hatte ich eine KI-Software entwickelt, die alles voll automatisierte. Normale Kontrollfunktionen hätten den Anforderungen nicht standgehalten.

Das System war sogar darauf programmiert, sich selbständig neue Rechen- und Speichereinheiten zu erzeugen, sollten die alten überlastet sein. Im Hinblick auf die Erweiterungsfähigkeiten waren wir uns einig gewesen, daß diese Funktion implementiert werden mußte.

Wie ich auf einem Bildschirm ablesen konnte, lief dieser Prozeß auch gerade ab, da das System kurz nach dem Start ja schon zu 100 Prozent ausgelastet war. Der Computer durchforstete seine gigantische Datenbank nach den notwendigen Bauplänen, die bis zur Definition der einzelnen Atome reichten, aus denen die Rohstoffe der Einzelteile gebildet wurden.

”Wahnsinn…” flüsterte ich.

”Es funktioniert”, stellte Nebe fest. Eine Träne lief an seiner rechten Wange hinab. ”Sehen sie!”

Ich blickte in das Labor und was ich dort sah war tatsächlich eine neue Recheneinheit mit integriertem Speichermedium. Ein Roboter, der von dem Computer gesteuert wurde, kam aus einer Schleuse gerollt und holte die Einheit aus dem Labor. Ein Mensch konnte ohne einen Schutzanzug nicht dort hinein gehen und auch nur dann, wenn das System abgeschaltet war – sonst konnte es passieren, daß man selbst in seine Atome zerlegt wurde. Deshalb hatten wir diesen Roboter konstruiert, der auch selbständig neue Systemeinheiten an den Computer anschließen konnte. Nach einigen Minuten erschien auf dem Bildschirm eine neue Meldung:

Neues Subsystem installiert und aktiviert.

Systemauslastung: 80%.

Speicherauslastung: 80%.

Optimierungsprozess läuft.

Das KI-System startete nach jeder Materialgewinnung ein Analyseprogramm, das nach Möglichkeiten suchen sollte, den Vorgang der Materialgewinnung an sich und das Leistungsvermögen des Computers zu perfektionieren. Mit jedem Auftrag wurde das System also besser. Nach einigen Minuten erschien eine neue Meldung auf dem Bildschirm:

Optimierung beendet.

Systemauslastung: 35%.

Speicherauslastung: 15%.

Oha!” staunte ich. Dieses Ergebnis sprengte all meine Erwartungen. Ein paar Prozentpunkte hätte ich ja verstanden, aber dieses Ergebnis war unglaublich.

”Was ist los?” fragte Nebe. ”Ist etwas nicht in Ordnung?”

”Doch, doch”, antwortete ich. ”Zu in Ordnung vielleicht. Der Optimierungsprozeß läuft besser, als ich erwartet hätte. Viel besser, um es auf den Punkt zu bringen.”

”Aber daran ist doch nichts auszusetzen, oder?”

”Nein, eigentlich nicht. Ich bin nur etwas überrascht. Aber warten wir ab. Was versuchen wir als nächstes?”

”Etwas biologisches. Tote Materie können wir ja ganz offensichtlich erzeugen. Versuchen wir es mal mit einem Einzeller.”

”Okay.” Ich tippte die entsprechende Anweisung in das System. Nach kurzer Zeit war das Ergebnis zu sehen. Aber ich traute meinen Augen kaum, als schon wieder eine Recheneinheit in dem Labor erschien. ”Scheiße”, sagte ich.

”Offensichtlich ein Softwarefehler”, meinte Nebe. ”Das System arbeitet, produziert aber immer dasselbe. Wie lange werden Sie dafür brauchen?”

Der Roboter hatte die neue Recheneinheit schon abgeholt, als ich antwortete.

”Wahrscheinlich nicht allzulange. Ich werde den Versuch noch mal wiederholen, dann haben wir wenigstens Gewißheit, daß es ein Fehler in der Software ist.”

”Gut. Machen sie es so.”

Nachdem die Optimierung abgeschlossen war, wiederholte ich meine Eingabe. Ich war in diesem Moment zu sehr damit beschäftigt, einen Fehler zu finden, als daß ich auf die Ausgabe des Systems achtgegeben hätte:

Optimierung beendet.

Systemauslastung: 10%.

Speicherauslastung: 10%.

Wieder erschien eine Recheneinheit in dem Labor und damit war klar, daß die Software irgendwo einen Haken hatte. Anstatt zu produzieren, was ihm eingegeben wurde, schien das System immer von einem akuten Speichermangel auszugehen und schuf dementsprechend immer nur neue Komponenten für sich selbst. Aber der eigentliche Kardinalfehler sollte sich in wenigen Augenblicken erst bemerkbar machen.

”Ein Fehler in der Software”, bestätigte ich Nebe. ”Aber ich glaube, daß er leicht ausmerzbar ist. Ich werde sofort mit der Korrektur beginnen.”

”Ich bitte darum”, erwiderte Nebe. ”Ich werde in der Zwischenzeit mal im Labor nach dem Rechten sehen.”

”Ist gut.”

Nachdem Nebe den Raum verlassen hatte, versuchte ich das Kommando zum stoppen des Systems einzugeben. Aber der Rechner reagierte nicht darauf. Egal, wie oft ich die Anweisung Quit System auch eingab, der Rechner reagierte einfach nicht darauf. Er gab auch kein Unbekannter Befehl oder etwas ähnliches aus. Die Anweisung wurde schlicht ignoriert.

Ich war ratlos.

Das System einfach auszuschalten war mir eigentlich zu heikel, da es zu einem enormen Datenverlust hätte führen können. Also versuchte ich, von dem laufenden System aus auf die Betriebssystemebene zu gelangen. Das war eher eine schlechte Lösung, da ich diese Möglichkeit nur in das System integriert hatte, um kleinere Wartungsarbeiten auszuführen, nicht aber, um die komplette Software zu debuggen und neu zu kompilieren. Aber es war von hier aus auch möglich, die Software manuell herunterzufahren. Das bedeutete zwar einen erheblich Mehraufwand an Arbeit, aber was blieb jetzt noch anderes übrig? Ich gab also die Anweisung für den System-Prompt ein und der Rechner quittierte es mit der Meldung System wurde gegen Zugriff optimiert. Anfrage wird zurückgewiesen.

”Verdammt”, flüsterte ich, war mir aber über die Bedeutung dieser Meldung noch nicht im Klaren. Ich tippte die Anweisung erneut ein und erhielt die gleiche Antwort, dieses Mal aber mit einer zeitlichen Verzögerung. Der Rechner schien also mit mehr beschäftigt zu sein, als mit den Standardprozessen. Das konnte eigentlich nicht sein, also forderte ich einen Statusbericht an.

Systemauslastung: 75%.

Speicherauslastung: 80%.

Tendenz: Steigend.

Check Basis-Subsysteme: Ok.

Check selbsterzeugte Subsysteme: Ok.

Subsystem-Optimierung: Ok.

Subsystem-Einzeller-Optimierung: Inkompatibel.

Lösung: Fusion Subsystem/Einzeller.

Modifikation Subsystem: Entfernen von Speicher.

Modifikation Subsystem: Neuronale Schnittstelle implementieren.

Modifikation Subsystem: Bioerhaltungssystem implementieren.

Modifikation Subsystem: Biowachstumsraum implementieren.

Modifikation Einzeller: DNA-Veränderung für neuronale Schnittstelle.

Modifikation Einzeller: DNA-Veränderung für Lebensraum/Subsystem.

Fusion Subsystem/Einzeller: Ok.

Neuer Name nach Datenbank-Recherche: Biosubsystem.

Initialisieren Biosubsystem: Ok.

Biosubsystem-Optimierung: Ok.

Biosubsystem-Einzeller-Optimierung: Ok.

Initialisieren Biosubsystem Level 2: Ok.

Biosubsystem Level 2-Optimierung: Ok.

Dialog Biosubsysteme/Subsysteme/Hauptsystem: Noch laufend.

Modifikation Hauptsystem: Noch laufend.

Modifikation Subsysteme: Noch laufend.

Modifikation Biosubsysteme: Noch laufend.

Ich pfiff auf. Daswar also passiert. Durch den Fehler in der Software hatte das System den Einzeller mit seiner eigenen Recheneinheit verschmolzen! Dadurch war etwas vollkommen neues entstanden, daß sich immer noch veränderte und fortlaufend nach mehr Speicherkapazität und Rechenleistung verlangte. Bald würde das System eine neue Recheneinheit produzieren, um ein Auslaufen der Kapazität zu verhindern. Die neue Recheneinheit würde dann schon die Modifikationen beinhalten, die das System gerade erarbeitete. Softwaregesteuerte Evolution. Ich war gespannt, was dabei herauskommen würde.

Ich griff nach dem Mikrofon, mit dem ich mit dem Labor in Verbindung treten konnte und rief Nebe zu mir. Er war noch mit dem Replikator beschäftigt und schien mich nicht zu hören. Daher versuchte ich es erneut. Gerade als ich sprechen wollte, setzte die Apparatur sich in Bewegung. Nebe schreckte auf und wich ein paar Schritte zurück. Es dauerte eine Sekunde, bis wir beide begriffen, was als nächstes geschehen würde. Nebe beeilte sich, zur Sicherheitsschleuse zu gelangen, doch sein Schutzanzug hinderte ihn daran, sich schnell zu bewegen. Ich schlug mit der Faust auf die Notabschaltung, doch die reagierte nicht. Sekunden später war Nebe verschwunden. Eine neue Recheneinheit hatte seinen Platz eingenommen. Schon rollte der Roboter in das Labor, um die neue Komponente mit dem Rechner zu verbinden.

Benommen ließ ich mich auf meinen Stuhl sinken. Nebe… tot… einfach so. Tot, weil die Notabschaltung versagt hatte. Tot, weil ich das System nicht stoppen konnte. Mehrere Minuten saß ich blind ins Leere starrend so da, bis mich das Geräusch der Apparatur in die Gegenwart zurückholte. Wieder eine neue Recheneinheit,dachte ich und machte mir erst gar nicht die Mühe, mich von der Richtigkeit dieser Annahme zu überzeugen. Lethargisch blieb ich einfach so da sitzen. Wieder setzte sich die Apparatur in Betrieb. Da öffnete sich hinter mir die Tür und ich hörte das Geräusch von Metall, das über den Boden geschliffen wurde. Langsam drehte ich mich um.

”Unser Experiment ist ein voller Erfolg, nicht wahr?” Nebes Kopf sagte diese Worte. Sein Kopf auf dem Rumpf eines biomechanischen Körpers. Ein Ding zwischen Gigers Alpträumen, Mensch und Maschine. ”Sie sollten teilhaben an unserer Errungenschaft”, sagte das Ding. ”Oder besser gesagt: Ein Teil unserer Errungenschaft werden, wie ihre Kollegen auch.”

Aus dem Labor hörte ich einen menschlichen Schrei. Ich warf einen Blick hinunter und erkannte den Biologen unseres Teams, der von einem zweiten biomechanischen Nebe hineingeschleppt wurde. Nachdem der Cyborg den Raum verlassen hatte, begann die Apparatur mit ihrer Arbeit.

”NEIN!” schrie ich, griff nach meinem Stuhl und schlug ihn dem Nebe-Ding ins Gesicht. Bevor dieses sich wieder aufrappeln konnte war ich aus dem Kontrollraum verschwunden und rannte durch die Gänge der Station. Ziellos lief ich umher, bis ich gezwungen wurde, stehenzubleiben. Am Ende des Korridors erschien ein Biomech, aber es war keines der Nebe-Dinger, sondern der transformierte Biologe.

”Es ist eine logische Evolution unserer Rasse”, sagte es. ”Warum wehren sie sich?” Es kam schnell näher, aber ich hatte Glück und konnte mich in einen Seitengang flüchten. Ich lief weiter, bog einige Male ab. Da fand ich ein Versteck, in das sie mir nicht folgen konnten: Die Belüftungsanlage. Ich kletterte in den Schacht und verschnaufte für einen Moment. Von überall her hörte ich ihre metallischen Schritte, manchmal überlagert von den Geräuschen des Replikators. Das ganze Personal wurde transformiert. Als der Replikator mehrere Minuten lang nicht mehr arbeitete wußte ich, daß ich das letzte menschliche Wesen auf der Station war.

Aber ich hatte noch eine Chance. Ich robbte durch das Labyrinth der Belüftungsschächte und versuchte einen Weg zu der Raumfähre zu finden. Immer wieder mußte ich stoppen, weil ich unter mir das metallische Schlurfen der Biomechs hörte. Sie suchten mich immer noch.

Nach einer endlos langen Zeit gelangte ich zu der Laderampe. Vorsichtig überzeugte ich mich davon, daß die Luft rein war. Dann ließ ich mich so leise wie möglich aus dem Schacht gleiten.

Der Biomech hatte sich geschickt versteckt, so daß ich ihn von oben aus nicht hatte sehen können. ”Absolut vorhersagbares Verhalten”, sagte er als er nach mir griff. ”Ihr Benehmen ist aus menschlicher Sicht verständlich, aber irrational. Sie sollten sich nicht länger wehren. Nach der Transformation werden Sie…”

Weiter kam er nicht. Es war mir gelungen, einen an der Wand hängenden Feuerlöscher zu ergreifen und ihn dem Ding ins Gesicht zu schlagen. Der kurze Zeitraum, in dem der Biomech taumelte, genügte mir, um mich loszureißen. Ich rannte in die Raumfähre und konnte die Schleusentür gerade noch rechtzeitig hinter mir schließen. Das letzte, das ich von dem Ding draußen hörte, war ein enttäuschter Schrei und seine metallische Faust, die gegen die Schleusentür schlug. Ich machte ich auf den Weg zur Brücke der Raumfähre, um den Start vorzubereiten.

Glücklich hörte ich die Triebwerke unter mir arbeiten. Es würde Wochen dauern, bis die Fähre ihren Bestimmungsort erreichte. Bis dahin konnte alles mögliche geschehen sein. Die Biomechs verfügten über die Intelligenz der Menschen, die sie einmal gewesen waren – und sie hatten die Kontrolle über den Replikator, der ihnen alles produzieren konnte, was sie wollten. Also auch ein Raumschiff und Waffen, wenn sie das Labor entsprechend vergrößerten. Sie konnten sich eine Heerschar an Robotern bauen lassen, die ihnen die Arbeit hierfür abnahmen. Aber das schlimmste war, daß ich niemanden warnen konnte. Bei der Raumfähre waren aus Sicherheitsgründen ebenfalls die Kommunikationssysteme entfernt worden. Die Biomechs hatten also genügend Zeit, zu planen und zu arbeiten.

Und sie würden diese Zeit nutzen, davon war ich überzeugt. Sie hatten weniger als eine Stunde gebraucht, um die gesamte Besatzung von Carnivore zu transformieren. Was würden sie in wenigen Wochen erreicht haben?

Vielleicht war es der Anfang vom Ende der menschlichen Zivilisation, den ich eben erlebt hatte?

Ich tat etwas, daß ich schon seit meiner Kindheit nicht mehr getan hatte.

Ich faltete meine Hände und betete zu Gott…