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Aug 03 2008

Tournament

Published by Winni under Stories, Writing

This is only a fragment. I don’t know if or when I am going to continue it. I guess this is mostly a by-product of having spent too much time playing Unreal Tournament…

Es ist dein achtes Turnierspiel und du weißt schon nicht mehr, wie oft du in einem neuen Körper wieder zu dir gekommen bist, nachdem ein anderer Spieler dich in Stücke geschossen hat.

Der Vorteil eines Ligaspielers wie dir ist, daß immer genügend geklonte Körper für dich in Reserve gehalten und dein Vertrag dir garantiert, fortlaufend wieder in Stand gesetzt zu werden. Jeder geklonte Körper ist eine perfekte Kopie deines ursprünglichen Körpers, jedoch ohne Erinnerungen, Persönlichkeit oder Bewußtsein. Eine leere Hülle ohne Leben, die auf ihre Animation und das Einspielen eines Bewußtseins wartet.

Nach Ablauf deines Vertrages steht dir auch wieder ein gesunder Körper mit uneingeschränkter natürlicher Lebenserwartung zu. Bis dahin bekommst du nur Körper mit einer in den Erbanlagen festgelegten maximalen Lebenserwartung bis zum Ende des Turniers. Das garantiert, daß du als Spieler nicht vorzeitig aus der Liga aussteigst, nachdem du einen Frag, also einen Lebenspunkt und mithin ein tatsäcliches Leben, zuviel verloren hast, die seelische Belastung und die ständige Gewalt nicht mehr aushältst und dich nicht mehr abschlachten lassen willst.

Nach einem verlorenen Frag wird dein Gedächtnis mit etwas Glück bis zu dem Zeitpunkt des Todes rekonstruiert. Sollte das mangels Masse nicht mehr gehen, weil dein altes Gehirn beispielsweise nur noch als Gelee an einer Wand in der Arena existiert, wird der Gedächtnisstand wieder eingespielt, der kurz vor Beginn des Spieles aufgezeichnet wurde. Den Rest mußt du dir dann, wie alle mordlustigen Zuschauer da draussen auch, die die Liveübertragung des Spiels verpaßt haben, per Aufzeichnung ansehen, um zu wissen, wer deine Revanche verdient hat.

Das Verfahren der Rekonstruktion dauert zwar mittlerweile nur noch wenige Minuten, weil immer ein komplett ausgebildeter Körper mit leerem Hirn auf dich und deine Erinnerungen wartet, aber es ist nicht gerade billig und für den normalsterblichen Menschen von der Straße unerschwinglich. Im Vergleich zu den Einnahmen durch Wetten, Werbung und sämtlicher Merchandiseartikel sind die Kosten für die Tournament Corporation jedoch eine vernachlässigbare Größe geworden. Das Turnier ist zum einträglichsten Industriezweig nach Nahrung und Rüstung geworden und die Corporation kann sich einige Dutzend kostspieliger Stars wie dich aus der Portokasse leisten.

Aber täglich mehrmals zu sterben ist auch eine sehr schmerzhafte und zuweilen traumatische Methode, sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Dennoch symbolisierst du für die Masse den Traum von Unbesiegbarkeit und Unsterblichkeit und Millionen würden ihre Seele dafür verkaufen, an deiner Stelle zu sein. Und vielleicht hast du das auch getan, deine Seele verkauft, als dein Bewußtsein das erste Mal in einen geklonten Körper transferiert wurde. Der Lebensstil und die Bekanntheit eines Gottes aus dem Olymp haben eben ihren Preis. Du fühlst jedenfalls keinen Unterschied, auch wenn du nur eine Kopie deiner selbst bist, und wenn du das Turnier gewinnst, ist deine Trophäe die Unsterblichkeit in Form eines unlimitierten Anspruchs auf Ersatzkörper, wenn deine alte Hülle den Weg allen Seins gegangen ist.

Die Bilder deines kürzlichen Todes blitzen noch einmal durch deinen Kopf, bevor du die Augen öffnest und wutentbrannt von dem Animationstisch aufspringst. Du achtest nicht mehr auf das ganze medizinische Personal und die unteren Executives um dich herum, sondern greifst dir sofort eine frische Uniform und springst in sie hinein.

Du kennst die Szene in dem Animations-OP mittlerweile zur Genüge und befaßt dich nicht mehr mit den Themen Bewußtseinstransfer oder Klonen und wunderst dich auch nicht mehr darüber, daß du wieder in einem intakten Körper weiterlebst. Auch für die sterblichen Überreste deines alten Leibes, der auf einem zweiten Tisch direkt neben dir liegt, damit man ihm dort die letzten Gedächtnisfetzen entnehmen konnte, hast du nur noch selten einen Blick übrig.

Es wäre deutlich effizienter und für dich selbst auch weniger traumatisch, dir jedesmal nur die vor dem Spiel gespeicherten Erinnerungen zu implantieren. Der Grund, warum man sich aber die Mühe macht, deine Leiche zu bergen und soviele deiner Erinnerungen wie möglich zu rekonstruieren und sie dir in dein neues Leben mitzugeben ist, daß es dich zu einem immer besseren, rachgierigen bösen Gladiator werden läßt. Das macht die Spiele spannender und steigert damit die Umsätze.

Zum anderen dient es auch der Forschung, um die sogenannte Blackout Zeit der superreichen Kundschaft immer weiter zu reduzieren, so daß ihr Bewußtsein immer nahtloser vom Zeitpunkt des letzten Todes fortgesetzt werden kann, selbst wenn dieser bei einem extremen Unfall eingetreten ist und man nicht auf eine vielleicht wochenalte Bewußtseinssicherung zurückgreifen muß und dem Kunden somit wertvolle Zeit in seinen Erinnerungen fehlt.

Du setzt dir dein Intercom auf und wirfst einen Blick auf den modifizierten Chronometer an deinem linken Unterarm, das dich mit spielerelevanten Informationen versorgt. Du liegst zwei Frags hinter dem Favouriten zurück und das Match geht nur noch zweiundvierzig Minuten. Du greifst dir deine Waffe und rennst unter den Augen einiger Videokameras durch einen langen Tunnel hinaus auf das Spielfeld, eine alte Fabrikanlage aus dem späten zwanzigsten Jahrhundert, die ein geniales Schlachtfeld für Sniper, Scharfschützen, liefert.

Kaum erreichst du das Ende des Tunnels, fliegen dir schon die ersten Querschläger um die Ohren. Verfuckter Camper! zischt dir ein grimmiger Gedanke in neudeutscher Sprache durch den Kopf. Aber ein Sniper, der beim ersten Schuß nicht trifft, ist ein toter Sniper. Diese Lektion wirst du ihm jetzt beibringen.

Du rennst auf einen umgefallenen Metallträger zu und wirfst dich dahinter auf den Boden, spürst das Pumpen deines Herzens, wie dein Körper Adrenalin ausschüttet, deine erhöhte Atemfrequenz. Du zwingst dich zur Ruhe, konzentrierst dich auf deine Umgebung. Eine Lichtreflektion seines Zielfernrohrs verrät die Position des anderen Schützen und du visierst ihn mit deiner eigenen Waffe an. Dein Finger gleitet zum Abzug und betätigt ihn. Sofort darauf siehst du wie der Kopf des Anderen unter deinem Fadenkreuz explodiert und der Körper leblos mehrere Meter zu Boden fällt.

Dein Zielfernrohr sendet ebenfalls Bilder an die Sendezentrale und du weißt, daß die Zuschauer des Matches jetzt eine Großaufnahme deines Treffers zu sehen bekommen und eine mit Hall versehene Stimme dabei laut KOPFSCHUSS ruft. Du auf dem Schlachtfeld bekommst das nicht mit, aber du kennst es von den Aufzeichnungen, die du dir angesehen hast. Du tust deine Pflicht als guter Turnierspieler und sagst einen Spruch für deine Fans in dein Intercom: „Das nächste Mal solltest du besser zielen!“

Du hast jetzt zwar einen Frag aufgeholt, aber dein Konkurrent hat zwischenzeitlich ebenfalls wieder gepunktet, wie die Anzeige dir verrät. Noch achtunddreißig Minuten Zeit, drei Punkte zu machen, um sich an ihm vorbei in die Führung zu spielen.

Vorsichtig beobachtest du die Gegend erneut. Erst ohne, dann mit deinem Zielfernrohr, um andere Scharfschützen auf der Lauer ausfindig zu machen. Und in der Hoffnung, ein weiteres leichtes Opfer zu finden.

Fehlanzeige. Du springst wieder auf die Beine und rennst über das offene Feld auf den Schutz des verfallenen Gebäudes auf der anderen Seite zu, in der sich dein letztes Ziel verschanzt hatte, gehst in das Innere und kletterst einige Leitern hoch, um auf eine bessere Aussichtsposition zu gelangen, legst dich dort flach auf den Boden, das Gewehr im Anschlag, beobachtest wieder das Gelände, wirst dabei selbst von mehreren hochauflösenden Digitalkameras mit integrierten Richtmikrofonen in deiner Nähe beobachtet.

Du siehst, wie zwei Sanitätsroboter aus dem Tunnel kommen, um die Überreste des anderen Spielers einzusammeln. Ein Schuß fällt und einer der Roboter gerät leicht ins Taumeln. Jemand war dumm genug, die Droiden für andere Spieler zu halten und hat dadurch seine Position verraten.

Wieder wandert dein Fadenkreuz über eine Gebäudefront, wieder findet es ein Ziel. Du siehst das Gesicht einer schönen, amazonenhaften Frau mit eiskaltem Blick in deinem Sucher. Du kennst sie gut, hast zwischen den Spielen häufiger Sex mit ihr. Es macht euch an, miteinander zu schlafen nachdem ihr euch Stunden vorher mit Kugeln durchsiebt habt.

„Halt einfach nur still, Baby, und ich besorg es dir schnell und gut“ flüsterst du in dein Intercom und drückst ab. Du siehst die Explosion in deinem Zielfernrohr und die Punktestandsanzeige bestätigt umgehend deinen Treffer und du grinst zufrieden.

Ein Sniper, der am leben bleiben will, verläßt seinen Unterschlupf sofort nachdem er geschossen hat, also machst du dich auch so unauffällig wie möglich wieder auf und davon.

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Aug 03 2008

Der Flug des Phönix

Published by Winni under Stories, Writing

This text was finished in 1996. So it’s already quite old and does not reflect my more recent writing style. But back in 1998, this piece actually helped me get one of the coolest jobs in my career, so I am rather fond of it.

Es heißt, der Mensch besitzt Verstand.

Doch hat er auch den Verstand, ihn zu gebrauchen?

TEIL EINS

Ein neunter Januar in einem Jahr, nicht weit entfernt…

10 Uhr 30.

Lautlos und ohne jeden Geruch vermischte sich das Gas mit der Luft des Zimmers. Kaum daß es den menschlichen Körper, der in Tiefschlaf versunken auf einer bequemen Matratze inmitten des großen Raumes lag, erreicht hatte, begann dieser sich zu regen. In der Nacht zuvor war das Gas gekommen, die Menschen einzuschläfern, und nun kam es, sie wiederzubeleben.

Vollkommen erwacht stand der Mann, der T2-0302-85-GX genannt wurde, auf. Binnen weniger Augenblicke gestaltete der Computer des Hauses, indem er die Möbel umfaltete und an einen anderen Ort plazierte, das Zimmer zu einem morgendlichen Wohnraum um.

Dann wechselte die dunkelbraune Farbe der Wände zu einem stimulierenden Blau. Mit einem freundlichen “Guten Morgen, Sir” signalisierte der Computer das Ende seiner Arbeiten.

Durch diese Art der simplen Raumumgestaltung sparte man unnötige Wohnfläche ein und reduzierte eine vollständige Wohnung auf einen Raum.

T2-GX nahm schnell eine Dusche und kleidete sich anschließend an. Sich an den Frühstückstisch setzend musterte er sein Frühstück, das der Computer ihm aus einer Wandöffnung heraus serviert hatte.

Es gab Vitaminsaft und einen Brei, der seine individuellen Körperbedürfnisse zufriedenstellte. Beides bestand aus wiederverwerteten Resten des Abendessens des Vorabends (was aber nicht zu erkennen war) und enthielt ein Verhütungsmittel.

“Musik!” befahl T2. Seine Stimme klang gereizt. Der Computer registrierte das und begann eine Verhaltensanalyse seines Mieters. Ziel dieser Analyse war festzustellen, ob die Dosis des Gases nicht ausgereicht hatte und ob T2-0302-85-GX seine Realität als negativ auffaßte.

Zunächst beschloß der Computer, dem Befehl zu gehorchen.

Arctronic-Musik erklang, die sich aus primitiven Rhythmen, überlagert von seichten Synthesizerklängen, zusammensetzte. Die Melodie war das Produkt mathematischer Berechnungen und vielleicht war das der Grund dafür, warum es ihr nicht gelang, T2s gereizten Zustand zu verbessern. Andere Musik als die von den Computern erstellten Kompositionen war den Bewohnern der gigantischen Städte nicht mehr zugänglich. Das gleiche galt auch für die übrigen Kulturgüter.

T2 kostete den Brei. Angewidert schob er den Teller beiseite. Das Zeug schmeckte nach nichts. Der Computer hatte es unterlassen, Geschmackstoffe beizumischen.

“Ist es in deinem Programm nicht vorgesehen, den Fraß schmecken zu lassen, oder was?” brauste T2 auf.

“Entschuldigung, T2-0302-85-GX-Sir. Aber sie hatten mir ausdrücklich aufgetragen, keine Experimente mehr mit ihnen durchzuführen, um ihre eigenen Worte zu benutzen. Außerdem hatten sie es unterlassen, mir eine Geschmacksnote anzugeben”, antwortete der Computer betont ruhig.

T2 überlegte. Diskussionen mit Computern waren sinnlos und regten ihn nur unnötig auf.

“Erstens”, begann er, “ab sofort wünsche ich eine sanfte weibliche Stimme zu hören, wenn ich mich schon dazu herablasse, mir dir zu sprechen. Zweitens: Wenn ich dir keine Instruktionen bezüglich der Aromastoffe geben sollte, stelle gefälligst eine zufällige Auswahl aus meinen bevorzugten Geschmacksrichtungen zusammen. Drittens: Nenne mich nur noch Sir oder rede mich am besten überhaupt nicht mehr an. Hast du das verstanden?” Er versuchte gelassen zu bleiben. Seine Geduld und sein Verständnis Maschinen gegenüber hielten sich ohne Drogeneinfluß in engen Grenzen.

Eine weibliche Stimme, die genau T2s Wünschen entsprach, antwortete ihm.

“Ja, Sir. Es wird alles zu ihrer Zufriedenheit erledigt werden.”

T2 war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. Erregt stand er auf und stapfte wahllos im Zimmer umher. Alles an diesem Mistding regte ihn auf.

“Spar dir das”, fauchte T2. “Sag ab jetzt nur noch okay.”

“Okay, Sir”, erwiderte der Computer. Seine Analyse war abgeschlossen. Der Zustand des Menschen war nicht mehr duldbar.

Er hatte die richtige Dosis der Droge ermittelt und mischte diese lautlos der Luft des Zimmers bei. Er hatte auf eine Geruchsnote verzichtet, um T2 nicht zusätzlich zu erregen.

T2 beruhigte sich sichtlich. Mit einem Mal verstand er sich selbst nicht mehr.

Wieso war er nur so aufgebracht gewesen, wo der Computer es doch nur gut mit ihm gemeint hatte? Es war doch alles in bester Ordnung…

“Entschuldige bitte”, sagte T2 verwirrt. “Aber ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist.”

“Sie brauchen sich nicht bei mir zu entschuldigen, Sir. So etwas kann immer vorkommen”, antwortete der Computer mit seiner gewöhnlichen Stimme. Er sah nun keinen Sinn mehr darin, dem Menschen über seine Service-Funktionen hinaus zu gehorchen.

“Nehmen sie nun lieber Ihr Frühstück zu sich. Ich habe ihnen ein neues zubereitet. Wünschen sie heute zu arbeiten?”

“Danke sehr”, antwortete T2 lächelnd. Er überlegte, ob er einer Arbeit nachgehen sollte.

In der modernen Gesellschaft wurden sämtliche Arbeiten von Maschinen erledigt. Wenn man arbeitete, dann nicht mehr, um Geld zu verdienen, denn Geld war abgeschafft worden, sondern um die Illusion zu erhalten, etwas sinnvolles zu tun.

T2 hatte Lust, zu arbeiten. Ihm war auf Anhieb auch nichts anderes eingefallen. Also sagte er:

“Ja, warum nicht. Melde mich bei meiner gewohnten Stelle an.”

“Wie Sie wünschen. Haben sie sonst noch einen Auftrag für mich?”

“Ja. Sollte sich jemand hier melden, dann sage ihm, es wäre ungewiß, wann ich wieder nach Hause komme. Der Tag ist so schön, daß ich einfach noch durch die Stadt bummeln muß.”

“Sehr wohl, Sir. Es wird alles zu ihrer Zufriedenheit erledigt werden”, antwortete die Maschine und setzte sich somit über eine weitere Anweisung T2s hinweg.

T2 hatte zu Ende gefrühstückt und machte sich auf den Weg. An der Tür verabschiedete der Computer ihn freundlich. Die Maschine war mit ihrem Erfolg zufrieden.

“Einen angenehmen Tag wünsche ich ihnen, Sir. Auf Wiedersehen.”

“Auf Wiedersehen”, erwiderte T2. “Bis nachher.”

11 Uhr 05.

Aus der Wohnkaserne tretend, fand T2 sich innerhalb eines der Glasverbindungstunnel wieder, die einem Kanalsystem gleich die Stadt durchzogen und auf diese Weise die einzelnen Teile miteinander verbanden und sie vor der Vernichtung durch die Stürme schützten.

Durch die übermäßige UV-Strahlung und die fortwährenden Klimaveränderungen, die Land und Meer heimsuchten, war eine Existenz in der freien Natur ohne Schutzmaßnahmen unmöglich geworden. Nur einige geheime Datenbanken zeugten noch von der intakten Fauna und Flora der Vergangenheit.

Grünes Licht beschien die Straße. Die Filtergläser gaben dem Sonnenlicht diese Farbe; man sagte ihr eine beruhigende Wirkung auf das menschliche Auge nach.

Nur wenige Menschen waren unterwegs. Den Meisten war es noch zu früh, um der täglichen Unterhaltung zu frönen oder einer Arbeit nachzugehen. Kinder waren überhaupt keine zu sehen. Das lag daran, daß die Elektronengehirne die Fortpflanzung des Menschen derart kontrollierten, daß sie nur eine geringe Nachkommenschaft zuließen, die sie selbst genetisch züchteten und in eigenen Stadtteilen separiert von den Erwachsenen aufwachsen ließen, bis sie das Alter von sechzehn Jahren erreicht hatten. Dann wurden sie zu den Erwachsenen umquartiert. Der Grund dafür war pädagogischer Art.

Die Computer wollten keine menschliche Einmischung in die Erziehung, da sie dann negativ beeinflußt werden würde. Sie wollten den Menschen selber so formen, wie sie ihn gebrauchen konnten. Außerdem wäre es den erwachsenen Menschen nur lästig gewesen, sich mit Kindern befassen zu müssen.

Der Block, in dem T2 wohnte, war im Grunde identisch mit allen anderen Blocks der Stadt. Dem ungeübten Auge fielen die minimalen Unterschiede gar nicht auf, und den Einwohnern war es ohnehin gleichgültig. Es war auch ganz gleich, in welcher Megalopolis man wohnte.

Differenzen gab es keine.

Die Mitte des Tunnels, in dem T2 sich aufhielt, wurde von der Magnetbahn durchzogen. Seit der Abschaffung der Privatverkehrsmittel gab es nur noch diese Art der Fortbewegung, die frei von Schadstoffen funktionierte, da sie ausschließlich mit Elektrizität arbeitete.

Die Computer hatten aus dem Erbe der Vergangenheit gelernt. Sie hatten Konsequenzen aus den Umweltkatastrophen der letzten einhundertfünfzig Jahre menschlicher Herrschaft gezogen.

In den Kraftwerken wurde saubere Atomenergie gewonnen und Recyclingverfahren lieferten fast jeden erdenklichen Rohstoff.

Weiterhin hatten die Zentralcomputer Methoden zur Gleichschaltung und Kontrolle des Homo sapiens entwickelt. Um selbst Ansätze eines kritischen Denkens zu vermeiden, wurde der Bildungshorizont des Einzelnen auf ein Minimum reduziert, historisches Wissen sogar vollständig eliminiert. Im Selbstverständnis jedes Menschen war die Vorstellung fest verankert, daß es normal sei, von einer Maschine beherrscht zu werden. Niemand kam auch nur auf die Idee einer Alternative. Ein Leben ohne Maschinen oder unter einer menschlichen Führung lag jenseits des Vorstellbaren.

T2 steuerte die Parkschiene an, die es vor jedem Häuserblock gab, und stieg in einen der bereitstehenden Wagen ein, dessen Glasdach sich automatisch schloß. Bevor der Wagen sich in Bewegung setzte, gab T2 die Nummer des Blocks an, der das Ziel der Fahrt sein sollte.

Dann lehnte er sich entspannt in seinem Sessel zurück, während das Gefährt mit etwas über dreihundertdreißig km/h durch das Tunnelsystem der Stadt jagte. Für größere Entfernungen gab es Spezialtunnel, wo das normale Reisetempo dann bei ungefährer Schallgeschwindigkeit lag.

Gegen 11 Uhr 37 war T2 bei seiner Arbeitsstelle angelangt. Da seine Schicht aber erst um 12 Uhr begann, entschied er, vorher noch einen Blick in die Cafeteria zu werfen.

An einem der Tische fiel T2 ein bekanntes Gesicht auf.

K9-0901-84-X8 saß allein und gelangweilt in einer Ecke des Raumes. Lächelnd ging T2 auf diesen Platz zu.

“Hallo, K9″, begrüßte T2 seinen Bekannten. K9 schaute auf.

“Hallo, T2!” erwiderte er grinsend den Gruß.

“Und, hast du die Party gestern gut überstanden?” erkundigte sich T2. Sich etwas kühler an den Computer wendend sagte er:

“Computer! Einmal Kaffee, bitte.”

“Oh, erinnere mich bloß nicht daran”, antwortete K9 und verzog gespielt das Gesicht. “Ich war wohl total überdosiert. Auf jeden Fall wußte ich heute Morgen überhaupt nicht, wer das Mädchen neben mir im Bett war.”

T2 kicherte belustigt. Solche Dinge passierten immer nur K9. Sie waren schlichtweg typisch für ihn.

Der Computer schob einen Kaffee auf den Tisch. T2 nahm den Becher und nippte daran. Er schmeckte scheußlich, doch sah er diesmal darüber hinweg.

“Und? Was hast du gemacht?” wollte er wissen.

“Ich hab mir die ganze Zeit bis zum Frühstück Mühe gegeben, sie nicht direkt anzureden. Der Computer war aber klug genug, mir einen Zettel neben meinem Frühstück zu deponieren. LL3 war also ihr Name, habe ich dann erfahren.”

“Gelobt sei die Technik”, sagte T2 amüsiert.

“Und ob”, nickte K9. “Na ja, jedenfalls habe ich mich dann nett von ihr verabschiedet und bin vor ihr hierher geflüchtet, obwohl ich zum Arbeiten eigentlich keine Lust hatte.”

“Wirst du sie wiedersehen ?”

K9, der gerade an seinem Kaffee genippt hatte, verschluckte sich fast.

“Bist du verrückt?” rief er. “Ich bin doch nicht so ein Spinner wie G4-T0! Niemals ein Mädchen länger als für eine Nacht !”

“Was ist denn mit G4?” hakte T2 nach. War ihm da etwas entgangen? Er hatte doch gar keine Gerüchte über G4-T0 gehört. Ihm fiel nur mit einem Mal auf, daß er G4-T0 schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen hatte.

“Weißt du das nicht? G4 ist hingegangen und hat sich per Partner-Shop ein festes Mädchen zugelegt.”

Der Partner-Shop war ein Programm, in dem die Hologramme von Personen gespeichert waren, die kurzfristig einen Liebhaber oder eine Gespielin, in seltenen Fällen sogar jemanden suchten, mit dem sie auf begrenzte Zeit zusammen wohnen wollten.

Man konnte sich diese Hologramme und die dazugehörenden Mitteilungen ansehen und mit der Person, die einem gefiel, Kontakt aufnehmen. Doch nur aus den wenigsten Bekanntschaften wurde mehr als ein flüchtiges sexuelles Vergnügen. Zu einer richtigen Beziehung war niemand mehr fähig.

“Er hat was?” fragte T2 ungläubig. Das konnte doch nicht wahr sein.

“Ja, du hast richtig gehört. G4 hat sich ein Mädchen angeschafft. YL1-L3 heißt sie. Er hat sie mir mal vorgestellt. Sie ist sehr schön. Jetzt weißt du auch, warum man ihn nur noch so selten sieht. Er ist fast nur noch mit ihr zu Hause. Aber wahrscheinlich wird ihm das bald zu langweilig werden. Und dann werden wir ihn wiederhaben.”

“Das sowieso. Aber was wird er dann mit ihr anfangen wollen? Ich glaube kaum, daß er sie dann noch behalten will.”

“Das ist sein Problem, nicht das unsere”, sagte K9. “Du weißt doch, daß es unzählige Methoden gibt, jemanden loszuwerden, wenn man clever genug ist. Oder nicht?”

T2 nickte. Die gab es wirklich. Man mußte nur kreativ genug sein. Die beliebteste Methode war, die betreffende Person ohne das sie es merkte an eine Show abzuschieben, wo sie zu Unterhaltungszwecken verwendet werden konnte.

T2 wechselte das Thema. Das Schicksal eines Anderen war indiskutabel, und das Gespräch begann ihn zu langweilen.

“Warum bist du heute eigentlich zur Arbeit gekommen?” fragte er.

“Habe ich dir doch eben schon gesagt. Um von dem Mädchen wegzukommen, ohne mich mit ihr rumärgern zu müssen.”

“Ach ja, das hatte ich beinahe schon vergessen”, log T2. Immerhin sprachen sie nicht mehr von einer Ausschaltung.

“Weißt du schon, was du jetzt machen wirst?” fragte er. Aber bevor K9 antworten konnte, meldete sich eine Computerstimme zu Wort.

“T2-0302-85-GX, wenn sie an ihrer heutigen Arbeit noch Interesse haben, begeben sie sich bitte zu ihrem Arbeitsplatz. Andernfalls äußern sie sich bitte. Ich wiederhole. T2-0302-85-GX,…”

T2 unterbrach ihn.

“Ja, ja - ist schon gut. Ich komme ja schon.” Er wollte sogar arbeiten. Für den Moment war es ihm lieber, als sich mit K9 zu unterhalten.

Sich verabschiedend sagte er:

“Tja, K9. Ich will jetzt zur Arbeit. Bis heute Abend dann. Bei J8, nehme ich an?”

“Wo auch sonst, T2? Bis dann also.”

“Ja, bis dann.”

Beide hoben zum Abschied die Hand zum Gruße, dann ging T2 zu seinem Arbeitsplatz.

Keiner der beiden wußte, daß K9s Lebensende auf diesen Tag datiert worden war.

Daher auch sein Name: K9-09.01.84-X8.

12 Uhr 04.

T2s Arbeitsplatz war in einer Roboter-Fabrik gelegen. Seine Aufgabe bestand darin, die Werksroboter abzustauben. Einen Staubwedel in der Hand, machte T2 seine Runde durch das Fabrikgelände. Dabei wies ihn der Computer an, wo und wie er zu arbeiten hatte.

Nachdem er vierzehn Maschinen gesäubert hatte, legte er den Staubwedel in den dafür vorgesehenen Schrank zurück und verließ die Halle.

Seine Schicht war um 12 Uhr 26 beendet.

12 Uhr 37.

Es war eine dieser langweiligen Nachmittagshows, wo T2 sich nach Beendigung seiner Arbeit aufhielt. Auf der Bühne trieben es drei Mädchen und ein Mann miteinander. Das war die ganze Unterhaltung. Interessant wurden die Shows erst gegen Abend.

T2 setzte sich an die Theke und sagte dem Computer, er solle ihm einen angereicherten Drink geben. Er hatte die üblichen Regelungen ganz vergessen und war erstaunt, als der Computer ihm erwiderte:

“Diese Bestellung muß ich ablehnen, Sir. Der Genuß von Rauschmitteln ist, wie ihnen sicherlich bekannt ist, nur in der Zeit von 19 Uhr bis 3 Uhr gestattet. Wünschen Sie eine Belehrung über das Tagesablaufprogramm, Sir?”

“Nein, es ist mir bekannt”, antwortete T2.

“Um 3 Uhr Morgens Beendigung der Festivitäten. Die Einnahme von Rauschmitteln ist von diesem Zeitpunkt an untersagt”, begann der Computer, die Anweisung T2s ignorierend. Ohne das allmorgendliche Mittel wäre T2 nun wütend geworden. So konnte er es nicht.

“Gegen 3 Uhr 30 Eintreffen in der individuellen Wohnung, wenn nicht anders gemeldet”, fuhr die Maschine fort. “Bis spätestens 4 Uhr Beginn der Nachtruhe. Um 10 Uhr 30 Wecken aus dem Tiefschlaf. Nach Wunsch im Zeitraum von 12 Uhr bis 18 Uhr Erledigen einer täglichen Arbeit. Um 19 Uhr Erlaubnis der Einnahme von Rauschmitteln. Nach Wunsch Beginn der täglichen Festivitäten oder Teilnahme an einem Fernsehprogramm. Haben Sie diese Belehrung über den Tagesablauf verstanden?”

T2 nickte. “Ja.”

“Fein, Sir. Darf ich ihnen nun etwas gewöhnliches zu trinken anbieten? Einen Vitaminsaft vielleicht?”

“Warum nicht”, antwortete er. Aus einer Öffnung wurde ein Glas auf die Theke geschoben. T2 umfasste das Glas und nahm einen Schluck des Gemischs zu sich. Es schmeckte ganz akzeptabel.

Gelangweilt einen Blick auf die Show werfend, vernahm er plötzlich den Lärm, der von der Straße herkam.

“Was geht da draussen vor?” fragte er in die Leere. Der Computer antwortete.

“Nur ein paar Jugendliche, die sich amüsieren.”

“Unterhaltsam?”

“Das sollten sie selber beurteilen, Sir.”

“Ich werde es mir einmal ansehen”, sagte er und verließ die Show, um einen Blick auf die Straße zu werfen. Tatsächlich. Drei junge Leute, zwei Mädchen und Mann, standen dort und schlugen und traten auf einen anderen Mann ein.

Ein Schutzroboter kam herbeigeschwebt, um die Situation zu beobachten, nicht aber, um einzuschreiten. Seine Aufgabe bestand lediglich darin, Verletzte oder Tote mit Hilfe seiner Säurestrahler zu entfernen.

Der Mann flehte um Gnade.

“Bitte!” wimmerte er. “Bitte laßt mich doch in Ruhe! Ich habe doch niemandem etwas getan! Warum hilft mir denn niemand?” Es war zwecklos. Der Roboter würde nichts zu seinem Schutz unternehmen, ebensowenig wie einer der Passanten ihm zu Hilfe kommen würde.

Tränen liefen an den Wangen des Mannes herab. Er war der Ohnmacht nahe und blutete überall.

Vielleicht war es eine alte Rechnung, die nun beglichen wurde, vielleicht war es auch einfach die Lust am Töten, die ihn zum Opfer der Drei machte. T2 wußte es nicht. Es war auch ohne Bedeutung.

Eines der Mädchen trug eine Art Baseballschläger, der mit spitzen Nägeln versehen war, bei sich und holte zum Schlag aus.

“So laßt mich doch leben!” rief der Mann verzweifelt. “Laßt mich doch leben! Bitte laßt mich leben!”

Dann schlug das Mädchen mit ganzer Kraft zu und zertrümmerte ihm den Schädel.

“Bitte treten sie zurück”, ordnete der Schutzroboter an und sprühte eine Säure über den toten Körper. Innerhalb weniger Sekunden war nichts mehr von der Leiche übrig.

“So ist das Leben”, sagte der junge Mann bevor er mit seinen beiden kichernden Freundinnen verschwand.

Nachdenklich blieb T2 einen Augenblick lang an seinem Platz stehen und sah hinüber zu dem Ort, an dem der Mann sein Leben gelassen hatte.

Für einen kurzen Moment flackerte in seinem unterdrückten Bewußtsein eine Frage auf, die jedoch kurz darauf von der morgendlichen Droge verdrängt wurde.

Wieder an der Theke erregte eine junge Frau seine Aufmerksamkeit. Sie erwiderte seine Blicke und ging zu seinem Platz herüber.

“Hallo”, säuselte sie. “Ich bin GL4-F2. Und wer bist du?”

T2 musterte ihre Rundungen. Sie war sein Typ.

“T2-GX”, antwortete er. “Arbeitest du hier?”

“Ja. Ich hatte heute Lust, meinen Körper zu verschenken.”

“Nett von dir. Willst du direkt auf ein Zimmer gehen oder erst etwas trinken?”

“Trinken können wir später noch. Komm.”

Sie nahm seine Hand und leitete ihn zu einem Lift, der sie nach Oben beförderte. Auf einem der Zimmer genossen sie dann ihre Körper, und als sie fertig waren sagte sie:

“Ich glaube, ich könnte dich lieben.”

Verwirrt sah er sie an. Wärme lag in diesem Wort, dessen Bedeutung er noch nicht einmal erahnen konnte. Niemals zuvor hatte er es jemanden sagen hören.

Der Computer wies GL4 zurecht. “GL4-1707-86-F2″, sagte er bestimmt, “es ist unzulässig, das Wort ‘Liebe’ zu benutzen. Bitte beachten sie diese Vorschrift. Danke für ihre Aufmerksamkeit.”

Woher kannte sie diesen verbotenen Ausdruck nur?

T2 würde es nie erfahren, und er kam zu dem Schluß, daß es besser war, das Wort wieder zu vergessen.

“Entschuldigung”, erwiderte GL4 zurückhaltend. Sie war betroffen, eine Vorschrift verletzt zu haben, wenn es auch nur ungewollt geschehen war.

“Werde ich nun bestraft?” fragte sie.

“Nein, natürlich nicht”, antwortete das Elektronenhirn, das bereits ihrem Hauscomputer über diesen Vorfall Meldung gemacht hatte. “In unserer modernen Gesellschaft ist es doch unüblich geworden, zu bestrafen. Sie sollten diese Regelung nur zu ihrem eigenen psychischen Wohlergehen besser beachten.”

T2 zog sich an. Er hatte seine Befriedigung erhalten und wollte einer langweiligen Unterhaltung mit GL4 aus dem Weg gehen.

“Willst du schon gehen?” fragte sie enttäuscht.

“Ja”, antwortete er knapp. “Es ist bald an der Zeit, mit einer Party zu beginnen. Deswegen will ich noch zu einem Bekannten.”

Sie umschlang seinen Körper, leckte seinen Hals.

“Willst du wirklich schon fort?” säuselte sie, mit einer Hand an seine Genitalen fassend. “Ich habe dir noch nicht alles gezeigt. Komm wieder aufs Bett.”

T2 schaute auf die Uhr. Es war erst kurz nach 15 Uhr. Wenn er mit ihr schlief, brauchte er sich nicht mit zu unterhalten. Außerdem war sie im Bett nicht so langweilig gewesen, daß man nur einmal mit ihr hätte Verkehr haben können.

Also zog er sich wieder aus und legte sich zu ihr.

16 Uhr 06.

Nach seinem Erlebnis mit GL4-F2 machte sich T2 auf den Heimweg. Er wollte noch etwas fernsehen, bevor er zu J8 fuhr.

Auf dem Weg zu seiner Wohnung kam er an zwei Schutzrobotern vorbei, die miteinander kommunizierten. Dabei benutzten sie ihre Schnittstellen, was bedeutete, daß sie sehr schnell eine große Menge Daten austauschten. Normalerweise gebrauchten sie für diese Zwecke den Funkverkehr, der aber ab einer gewissen Informationsmenge den Nachteil hatte, nicht mehr ausreichend zuverlässig zu sein.

T2-GX schenkte dem keine Beachtung. Es war ein zu gewöhnlicher Anblick, um darauf Zeit zu verschwenden.

Stattdessen betrat er den Lift, der ihn zu seiner Wohnung brachte.

“Guten Tag, T2-0302-85-GX-Sir”, begrüßte ihn der Computer. “Hatten sie bisher einen interessanten Tag?”

“Natürlich. Gegen 19 Uhr 30 möchte ich zu einem Bekannten fahren, um von dort aus mit den Festivitäten zu beginnen. Bis dahin möchte ich fernsehen. Beende das Programm bitte um den genannten Zeitraum.”

“In Ordnung, Sir. Bitte wählen sie ein Programm aus und bereiten sie sich auf die Datenübertragung vor.”

T2 legte sich in einen Sessel und wählte eine angenehme Position. Dann setzte er sich ein Gerät auf, das einem Kopfhörer ähnlich war und dazu diente, sein Gehirn direkt mit Informationen zu versorgen. Die Summe dieser Informationen erzeugte dann in seinem Bewußtsein eine völlig neue Realität.

“Combat, Abenteuer. Fang an”, befahl T2. Mit mehreren Personen ein Abenteuer-Programm zu erleben war unter Umständen zwar amüsanter, aber T2 war fasziniert von der Illusion, ein Held im Alleingang zu sein.

Für den kurzen Moment der Umstellung erloschen sämtliche seiner Sinne; Schwärze umgab ihn, er war völlig von der Außenwelt isoliert. Zeit war nur noch ein Wort. Dann fühlte er sich wie jemand, der schlief und kurz vor dem Erwachen stand.

Benommen schlug T2 die Augen auf. Er lag in einer Ecke im Laderaum eines Roboterschiffes, das Kurs auf eine entlegene Insel gesetzt hatte. Er sollte dort eine kleine Siedlung auslöschen. Neben ihm schwebte ein bewaffneter Roboter, der ihm bei seinem Auftrag helfen sollte.

Ich muß geschlafen haben, dachte er. Sein Chronometer zeigte an, daß es nur noch wenige Minuten bis zum Anlegen waren. Er nahm die Maschinenpistole mit integriertem Granatwerfer aus seinem Rucksack und schraubte eine thermische Zieloptik auf sie auf. Dann setzte er ein Magazin in sie ein und lud die Waffe durch. Nun schnallte er sich den Rucksack um und setzte den Bodenkommunikator auf, mit dessen Hilfe er mit dem Roboter und dem Schiff in Kontakt bleiben

konnte.

“Test. Zwo, drei, vier”, sprach er in das Mikro.

“Empfang bestätigt”, erwiderte der Computer über den Kommunikator. “Ankunft T minus 2 Minuten, 23 Sekunden.”

“Okay.” Dann wollen wir den Bastarden mal richtig einheizen, dachte er genußvoll. Er nahm ein Aufputschmittel und wartete ungeduldig das Landemanöver ab.

Ein Vibrieren und ein darauffolgendes metallisches Knirschen signalisierten die Ankunft. T2 stand auf und wartete auf das Öffnen der Ladeluke.

“Ziel erreicht”, meldete der Computer. “Halten sie sich nordöstlich. Sie haben für dieses Unternehmen sechzig Minuten Zeit. Dann wird das Schiff wieder ablegen. Mit oder ohne sie. Viel Erfolg.”

Die Ladeluke sprang auf und T2 machte sich, von seinem programmierten Kompass unterstützt, auf den Weg. Der Roboter folgte ihm achtsam.

Die Insel war in Nebel gehüllt. Es waren etwas weniger als zwei Kilometer bis zu seinem Ziel. Er war sich sicher, es trotz des glitschigen Bodens unter seinen Stiefeln zu schaffen. Geräusche drangen an sein Ohr vor. Es schien noch anderes Leben auf dieser Insel zu geben.

Ein tiefes Grollen war da irgendwo in diesem Nebel. Es kam näher. Der Boden unter seinen Füßen wurde sumpfiger. Er blieb stehen und suchte das Gelände mit seiner Zieloptik nach einer Wärmequelle ab. Nichts war zu erkennen.

“Kümmere dich darum”, wies er den Roboter an. “Und benutze einen Schalldämpfer!” Dann setzte er seinen Marsch fort.

Die Maschine schwebte in den Nebel und nach ein paar Metern hörte T2 den Todesschrei der Kreatur. Dann kehrte der Roboter zurück.

“Eine Sumpfechse”, berichtete er.

“Okay”, keuchte T2. Du hättest ruhig länger wegbleiben können, dachte er. Dann warf er einen Blick auf den Kompass. Das Ziel war nur noch knapp zweihundert Meter entfernt. Er hatte noch sechsundvierzig Minuten Zeit.

Da bemerkte er ein Licht innerhalb des Nebels. Vorsichtig pirschte er sich an dessen Quelle heran, die innerhalb einer Höhle gelegen war. Er hörte Stimmen. Im Zielsucher erkannte er vier menschliche Gestalten. Seinen Informationen zufolge hätten es aber neun Ziele sein müssen. Sein Chronometer zeigte eine verbleibende Zeit von achtunddreißig Minuten an.

“Check das Gelände”, befahl er seinem elektronischen Begleiter. “Laß dich nicht sehen und feuere nur, wenn absolut keine Gefahr besteht, uns zu verraten.” Die Maschine verschwand im Nebel.

T2 visierte seine Ziele an. Vier präzise Schüsse zischten leise durch den Nebel. Vier Körper fielen zu Boden. Dann nahm er den Sprengstoff und den Zündmechanismus aus seinem Rucksack, bereitete beides vor und deponierte es im Eingang der Höhle.

Zehn Minuten bis zur Detonation.

Hoffentlich ist der Rest von dem Haufen auch da drin, dachte er, sonst könnte es hier draußen noch ungemütlicher werden als es ohnehin schon ist.

Er machte sich auf den Rückweg zum Schiff. Ein oder zwei Sumpfechsen folgten ihm. Er hörte ihr Grunzen längs seines Weges. Es wäre reine Zeitverschwendung gewesen, nach ihnen Ausschau zu halten. Die Zieloptik konnte sie scheinbar nicht erfassen, und außerdem mußte er sich beeilen. Wenn er zum Zeitpunkt der Detonation näher als einen Kilometer an der Höhle war, gab es einen Agenten weniger in der Welt.

“Zwei Personen eliminiert”, meldete ihm der Roboter über den Kommunikator.

“Okay”, erwiderte T2. “Mach dich auf den Rückweg.”

Dann war es soweit. Ein gewaltiges Donnern war zu hören. T2 warf sich auf den Boden und schützte den Kopf mit seinen Händen. Steinbrocken fielen vom Himmel herab. Die Erde erbebte. Dann war es vorüber.

Ob der Schrotthaufen von Roboter die Explosion überstanden hat? dachte er grimmig. Doch dann verflog der Gedanke wieder, und T2 rannte weiter. Er mußte das Landungsboot vor Ablauf der Zeit erreichen. Er hatte keine Lust auf einen Dauerurlaub auf einer Insel, auf der es von Sumpfechsen wimmelte.

Endlich erreichte er den Strand und rannte in das Boot, dessen Ladeluke sich schon schloß.

“Willkommen an Bord, Sir”, begrüßte ihn der Schiffscomputer. “Ihr Kollege hat mir von ihrem Triumph berichtet. Herzlichen Glückwunsch, Sir!”

Der Roboter hatte schon im Innern des Schiffes auf ihn gewartet. T2s Anweisung zufolge war er auf dem kürzesten Wege zum Boot zurückgekehrt, wobei er sich viel schneller fortbewegt hatte als sein menschlicher Partner.

Erschöpft legte T2 sich in eine Ecke des Laderaumes und schloß die Augen. Wieder einmal hatte er es geschafft. Er nahm eine Beruhigungspille und wartete auf den Schlaf. Dann wurde es schwarz um ihn.

Einige Zeit später wachte er wieder auf. In seiner Vorstellung hatte das Abenteuer nur eine Stunde gedauert, in der Realität hingegen waren aber schon drei Stunden vergangen. Der Computer hatte auf T2s Wunsch hin sein subjektives Zeitempfinden manipuliert und somit für ihn die Zeit schneller verstreichen lassen.

“Hat ihnen das Programm gefallen, Sir?” fragte die Maschine ihren Mieter.

“Oh ja, sehr. Vielen Dank. Wirklich ausgezeichnet”, antwortete T2 auf die Frage des Elektronenhirns. Er konnte nicht wissen, daß die Maschine seine Gedankenströme zur Ausbildung und Perfektionierung ihrer Kampfroboter benutzte.

Durch die Programme konnte das Elektronenhirn analysieren, wie Menschen in extremen Situationen agierten und davon ableiten, wie sie zu bekämpfen waren.

Die Spiele halfen ihnen dabei, dem Menschen immer einen Schritt vorauszusein.

“Das freut mich”, sagte die Maschine zu T2. “Es ist jetzt neunzehn Uhr zwei, Sir. Sie haben also noch ausreichend Zeit, zu ihrem Bekannten zu fahren. Haben sie noch einen Wunsch, Sir?”

T2 überlegte. Er könnte sich noch umziehen und duschen und vielleicht noch einen Anreger zu sich nehmen.

“Ja”, sprach er, “bereite die Dusche vor und leg mir eine passende Abendkleidung heraus. Nach der Dusche möchte ich einen kleinen Anreger zu mir nehmen, damit ich in die richtige Stimmung für die Party komme.”

“In Ordnung, Sir. Es wird alles zu ihrer Zufriedenheit erledigt werden.”

T2 entkleidete sich und betrat die Dusche. Eine angenehme synthetische Flüssigkeit rieselte auf seinen Körper und erzeugte in ihm eine komfortable Stimmung. Nach der Dusche schlüpfte T2 in die bereitliegende Kleidung; eine typische Abendgarderobe, die aus einer blauen Hose, einem buntgeflecktem Hemd und einem Paar elastischer Schuhe bestand.

Auf dem Tisch stand schon der bestellte Anreger bereit, und T2 nahm einen kostenden Schluck davon.

“Ich hoffe es mundet ihnen, Sir”, wünschte ihm die Maschine. Dabei wußte sie genau, daß das Getränk ihrem Mieter schmecken würde, denn die Geschmackstoffe waren so ausgewählt, daß T2s Sinneszellen positiv reagierten.

Kaum daß er das Getränk versucht hatte, fühlte T2 eine aufputschende Stimmung in sich ansteigen.

“Hervorragend”, bestätigte er. “Der Abend wird ein Erfolg werden. Ich gehe jetzt. Auf Wiedersehen.”

“Auf Wiedersehen, Sir. Eine angenehme Festivität wünsche ich ihnen.”

Der Computer war wie immer betont höflich, obwohl er wußte, daß er T2 niemals wiedersehen würde.

Das Programm mit der Bezeichnung Genesis war für die kommende Mitternacht angesetzt worden.

19 Uhr 32.

Während der Wagen durch die Glasverbindungstunnel jagte, fiel T2 wieder ein, was K9 über G4-T0 gesagt hatte. Einem Impuls nachgehend, gab T2 dem Computer Anweisung, ihn zu G4-T0s Wohnung zu fahren. Der Wagen bog mehrmals ab, raste durch lange Tunnel und erreichte dann schließlich den Block, in dem G4-T0 wohnte.

T2 stieg aus und ging auf die Wohnkaserne zu. Dabei wurde ihm bewußt, wie lange er schon nicht mehr bei G4 gewesen war. Aber war das seine Schuld? War es nicht G4 gewesen, der sich von seinen Freunden abgekapselt hatte? Doch ganz gleich wie auch immer es gewesen sein mochte, er würde versuchen, ihn diesen Abend mit zu J8 zu nehmen.

Er betrat den Lift und wies den Computer an: “Zu G4-T0, bitte.”

Die Antwort der Maschine verwunderte ihn. “Tut mir leid, Sir. Aber ich führe hier keinen Mieter mehr, der den Kurznamen G4-T0 trägt.”

“Wo finde ich G4-T0 dann?” wollte er wissen.

“Die Akte G4-T0 ist erloschen”, erwiderte die Maschine.

Erstaunt hob T2 eine Augenbraue. G4 war also tot, stellte er ohne Mitgefühl fest. Doch fragte er sich, wie G4 wohl gestorben sein mochte. Er war sich sicher, daß dieses Mädchen, von dem K9 erzählt hatte, dabei mit im Spiel gewesen war.

“Sie sollten sich jetzt nicht mit unnötigen Gedanken belasten, Sir”, sagte der Computer in der Annahme, daß T2 von der Nachricht über G4s Tod betroffen sein könnte. “Gehen sie sich doch amüsieren. Es gibt wieder viele Festivitäten in der Stadt. Suchen sie doch eine davon auf. Guten Abend, Sir.”

Nicht darauf eingehend fragte T2: “Wer wohnt denn jetzt in dieser Wohnung?”

“Eine Frau mit dem Kurznamen YL1-L3, Sir.” Damit war T2s Verdacht bestätigt.

Wahrscheinlich hat G4 sie loswerden wollen, als sie ihn zu langweilen angefangen hat, überlegte er. Er muß sie total unterschätzt haben. Irgendwie wird sie ihn ausgeschaltet haben, als sie gemerkt hat, was gespielt wurde. Armer G4, aber so ist das Leben.

Er fühlte sich von dieser Frau beeindruckt, obwohl er sie nicht kennengelernt hatte.

“Danke für die Auskunft”, sagte T2. “Bitte übermittele YL1-L3 einen Ausdruck meiner Bewunderung. Sage ihr, ich würde gerne einmal gegen sie beim Fernsehen antreten.”

“Gerne, Sir. Welchen Namen darf ich notieren?”

T2 gab dem Computer seinen Namen und seine Adresse an und teilte ihm weiterhin die Adresse J8s mit, wo er diesen Abend aufzufinden sein würde.

Abermals erstaunte der Computer T2, als er ihm mitteilte, daß seine Mieterin bereits bei der genannten Adresse eingetroffen sein müßte. Sie hatte ebenfalls eine Einladung erhalten.

Dieser Abend wird wirklich ein voller Erfolg werden, dachte T2 und machte sich auf den direkten Weg zu der Party bei J8.

20 Uhr 12.

T2 war einer der ersten, die in J8s Wohnung erschienen. Laute Musik schallte durch den Raum, der in ein bläuliches Licht gehüllt war. Das Szenario erinnerte entfernt an ein altrömisches Gelage, so wie die Sitz- und Liegegelegenheiten angeordnet waren. Aber diesen Vergleich zu ziehen war T2 nicht fähig.

K9-X8 war schon dort, zusammen mit einem Mann und einer Frau, die T2 nicht kannte. J8-O2 lag zusammen mit FD7-B2 auf einer Couch und amüsierte sich mit ihr. Er bemerkte seinen neu eingetroffenen Gast nicht, da er sich voll auf den Körper seiner Partnerin konzentrierte.

Unberührt von dem nachlässigen Empfang ging T2 hinüber zu K9 und den beiden anderen.

“Hallo, T2″, begrüßte ihn K9. “Das hier sind U3-FB und YL1-L3, du weißt schon. Zufällig war ich heute Nachmittag bei ihr in der Nähe und habe sie hierher eingeladen.”

U3 und YL1 nickten ihm höflich zu. U3 war ein unauffälliger, schlanker Typ und sah äusserst langweilig aus. YL1 hingegen war eine Frau von einer kalten Schönheit, die einen Reiz auf ihn ausübte. Er hatte sie sich ungefähr so vorgestellt, wie er sie nun antraf.

T2 begrüßte U3 förmlich und wandte sich dann an YL1.

“Freut mich, dich kennenzulernen”, sagte T2. “Ich komme gerade eben von deiner Wohnung. Ich dachte eigentlich, meinen Freund G4-T0 dort anzutreffen, aber dem war nicht so.”

“G4-T0 hat einen Fehler gemacht”, sagte YL1 mit einer weiblich-berechnenden Stimme. “Das ist ihm teuer zu stehen gekommen. Man sollte mich nicht unterschätzen.”

“Man sollte niemanden unterschätzen. Wie bist du ihn losgeworden?”

“Ich will nicht darüber sprechen. Das ist vorbei und langweilt mich. Okay?”

G4 hatte die Beziehung mit YL1 aus einer Langeweile heraus begonnen, weil er sich davon ein Veränderung seines Lebens versprochen hatte. Doch als die Langeweile nach einiger Zeit wiedergekehrt war, hatte er den Plan gefaßt, YL1 zu ermorden. Der Ansporn dazu war die Tatsache gewesen, daß er bisher nur innerhalb der Simulationsprogramme getötet hatte, aber noch niemals in der Realität. YL1 war dazu ein hervorragendes Ziel gewesen, zumal sie sich in Sicherheit wähnte.

Doch G4 hatte den Fehler begannen, die Tat zusammen mit dem Computer zu planen. Dieser hatte YL1 über G4s Vorhaben informiert. Es gehörte zu seinen Studien, Menschen gegeneinander auszuspielen und ihre Reaktionen zu beobachten. Hätte YL1 ebenfalls den Computer zu Rate gezogen, hätte die Maschine sie natürlich an G4 verraten. Doch das hatte sie nicht getan.

Es gelang ihr, G4 zu töten bevor dieser sie auslöschen konnte. Der Rest ist ohne Belang.

“Richtig”, mischte sich K9 ein. “Laßt uns lieber etwas unternehmen. Wir sind schließlich hier, um uns zu amüsieren.”

U3 nickte beifällig.

“YL1 ist eine leidenschaftliche Jägerin”, fuhr K9 fort. “Ich habe ihr erzählt, daß du ein sehr guter Spieler und jedem gewachsen bist, selbst mir. Sie ist brennend an einer Begegnung mit dir interessiert.”

T2 lenkte ein. “Ich habe heute Nachmittag noch trainiert”, sagte er zu YL1. “Ich bin sehr gut, und mittlerweile ist es für mich zu einem Problem geworden, gute Gegner zu finden. Aber seit ich von deinem Hauscomputer das mit G4 erfahren habe, habe ich ein dringendes Verlangen, mich mit dir zu messen.”

“Das glaube ich dir gerne”, erwiderte YL1 mit einem überlegenen Glanz in ihren Augen. “Doch mich hat noch niemand besiegt, solltest du wissen.”

Ein Grinsen formte sich auf T2s Gesicht. “Dann werde ich der Erste sein, YL1.”

“Genug jetzt”, unterbrach sie K9. “Wir werden gleich sehen, wer der bessere von uns ist.” Dann befahl er dem Computer, ein Handfeuerwaffen-Duell für vier Personen vorzubereiten.

“In Ordnung, Sir. Bitte setzen sie die Informationsgeräte auf und geben sie ein Zeichen zum Start”, antwortete die Maschine und hielt vier Kommunikationsgeräte für sie bereit. Sie setzten sie auf und K9 gab das Zeichen für den Beginn.

T2 und YL1 tauschten noch einen Blick miteinander aus, bevor sie die übliche Schwärze umfing.

Als sie wieder zu sich kamen befanden sie sich, jeder räumlich von dem anderen getrennt, auf einem großflächigen Gelände, das mit ruinenartigen Gebäuden angefüllt war.

T2 fand sich in einer verfallenen kleinen Hütte wieder und bemerkte, daß er mit dem Rücken an eine Wand gepresst stand. Neben ihm war ein Fenster, und in seinen Händen hielt er ein leichtes Scharfschützengewehr, auf dem die übliche thermische Zieloptik angebracht war.

Vorsichtig warf er einen Blick aus dem Fenster. Einen Schatten erspähend, warf er sich augenblicklich zu Boden. Die Kugel des Kontrahenten, den er vage gesehen hatte, zischte durch den Raum und schlug in der gegenüberliegenden Wand ein.

Na warte, dir werd ich eine Lektion erteilen, dachte T2 und robbte auf den Ausgang des Gebäudes zu.

Dort angelangt suchte er das offene Gelände mit dem Zielfernrohr nach einer Wärmequelle ab. In dem Gebäude schräg gegenüber fand er, was er suchte. Jede Deckung ausnutzend näherte er sich der Ruine. Aus dem Hinterhalt schoß jemand auf ihn, aber dennoch erreichte er unverletzt einen Seiteneingang des Gebäudes.

Dich werd ich auch noch kriegen, blitzte der Gedanke durch

seinen Kopf.

Schutt lag überall herum und erschwerte T2s Weg durch die einzelnen Räume, wobei er sorgsam darauf achtete, keine Geräusche zu erzeugen, obwohl es auf der Hand lag, daß sein Gegner, der sich ebenfalls in dem Gebäude versteckt hielt, sein Ankommen beobachtet haben mußte.

T2 warf einen kontrollierenden Blick durch die Zieloptik, konnte aber keine Wärmequelle orten. Um wen es sich auch handeln mochte, er hatte sich sehr gut versteckt.

Da auf einmal hörte er einen Schuß und einen darauffolgenden Schrei.

Einen hat es erwischt, dachte T2, das vereinfacht die Sache.

Er spähte durch eine Nische in der Wand. Sie war zu klein, um einen Schuß abzufeuern, aber er konnte die Leiche U3-FBs auf dem freien Platz erkennen. Von dem Schützen jedoch fehlte jede Spur. T2 vermutete, daß YL1 ihn erwischt hatte. K9 suchte immer den Nahkampf, es war nicht seine Handschrift, jemand aus dem Hinterhalt zu erledigen.

Sich wieder auf das Duell konzentrierend, setzte T2 seine Erkundung der Ruine fort. Nach einigen weiteren Metern durch den herumliegenden Schutt gelangte er an eine Kellertreppe, die noch relativ gut erhalten war. Jetzt war ihm auch klar, warum er vorhin nichts mehr hatte orten können.

Er warf einen Blick durch die Zieloptik, obwohl er schon vorher wußte, daß er nichts würde sehen können. Also stieg er die Stufen der Treppe hinab.

Dunkelheit empfing ihn. Weiter entfernt hörte er den Klang heruntertropfenden Wassers. Der Keller schien größer zu sein, als er erwartet hatte. Erneut suchte er die Umgebung mit der Zieloptik ab, und dieses Mal war seine Bemühung nicht umsonst.

In einer Entfernung von achtundvierzig Metern machte der Zielsucher eine kleine Wärmequelle aus. Das teuflische an der Sache war, daß er genau wußte, daß seine Beute ihn ebenfalls auf ihrem Zielsucher verfolgen konnte.

“Hallo, T2″, rief eine männliche Stimme. Damit war seine ursprüngliche Vermutung bestätigt, daß er Jagd auf K9 machte.

T2 verschanzte sich wortlos hinter einem Haufen Schutt. Er wollte K9 im Unklaren darüber lassen, mit wem er es zu tun hatte, denn das erhöhte seine Chancen. Wenn man seinen Gegner nicht kannte, war man immer im Zugnachteil, da man dessen Handlungen nicht vorausberechnen konnte.

“Oder bist du es, YL1?” erkundigte sich K9. Seine Stimme klang nervös, unsicher. T2 lauschte in die Dunkelheit und beobachtete K9 durch den Zielsucher. Scheinbar versuchte er, sich hinter einem Wall von Schutt emporzuarbeiten, um so eine bessere Schußposition zu erlangen.

T2 wartete ab und ließ ihn nicht aus dem Zentrum des Fadenkreuzes entwischen. Sobald der Sucher feststellte, daß er eine freie Schußlinie hatte, würde er feuern.

“Du fühlst dich wohl sehr sicher da hinten in deiner Ecke, was?” ächzte K9, während er sich weiter nach oben wühlte.

“Aber warte nur, gleich krieg ich dich!” fuhr er fort.

Der Zielsucher zeigte an, daß kein Hindernis mehr zwischen T2 und K9 lag. T2 fragte sich, wie K9 so naiv sein konnte, sich als ungeschützte Zielscheibe zu präsentieren. Aber wenn K9 schon so unachtsam war, würde er die Chance zu nutzen wissen.

“Bis nachher, K9!” rief T2 und drückte ab. Der Todesschrei K9s verhallte an den Wänden des Kellers.

“Du warst ein leichtes Ziel, mein Freund”, sagte er, ein wenig über ihn enttäuscht. Es war zu leicht gewesen, und das erstaunte ihn. K9 war sonst kein schlechter Gegner.

Er schob sein Versagen auf den Einfluß der Rauschmittel.

Den wahren Grund konnte er nicht wissen.

Der Computer hatte K9, der sein vorgeschriebenes Lebensende erreicht hatte, sterben lassen, denn er fand die Gelegenheit, die das Unterhaltungsprogramm bot, günstig dafür. Außerdem gestattete sein starres Programm keinen Aufschub mehr bis nach Mitternacht.

Als der Computer die Leichte K9s entfernte, hatten J8 und seine Gespielin kein Sicherheitsrisiko dargestellt, da sie hinter einem Möbelstück verborgen auf dem Fußboden Verkehr miteinander hatten. Andere Gäste waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht anwesend gewesen.

Weiterhin würde niemand das Verschwinden des Menschen nach Ablauf des Programmes sonderbar finden. Die Maschine wußte von der menschlichen Schwäche, Niederlagen nicht hinnehmen zu können. Sie würde, sollte es überhaupt erforderlich sein, die Situation so darstellen, als hätte K9 aus Scham die Festivität vorzeitig verlassen. Den anderen Gästen würde dieses Verhalten verständlich erscheinen und sie würden sich lediglich darüber amüsieren.

Unzählige Andere vor K9 waren schon auf diese Weise getötet worden. Der Computer rief einen Hirntod hervor, und das Spiel war vorbei. Entweder starb man während eines Fernsehprogrammes oder man atmete in seiner letzten Nacht ein Nervengas ein, daß einen nicht mehr erwachen ließ.

Die wenigsten Menschen starben noch auf natürlichem Wege, ebensowenig wie noch welche auf natürlichem Wege geboren wurden.

Nun, nachdem K9 aus dem Duell ausgeschieden war, lenkte T2 seine volle Aufmerksamkeit auf den verbliebenen Duellanten.

Der Kampf mit YL1 würde, sollte sie seinen Erwartungen gerecht werden, nicht so leicht ausgehen wie der mit K9. Er mußte wenigstens mit Verwundungen rechnen, die, obwohl sie nur innerhalb des Programmes existierten, sehr schmerzhaft sein würden.

Die Programme waren so realistisch beschaffen, wie es möglich war. Und darin lag ihr ganz besonderer Reiz.

T2s nervliche Anspannung wuchs mit jedem Schritt an, den er auf der Treppe nach oben stieg. Der Zielsucher zeigte kein Signal an. Anscheinend war die Luft rein. Aber er hatte es mit einem unbekannten Gegner zu tun, den er nicht einschätzen konnte. Er mußte also mit allem rechnen.

Mit einem Satz hechtete T2 die letzten Stufen nach oben in das Zimmer. Dort warf er sich auf den Boden und feuerte ziellos einige Schüsse ab. Querschläger zischten durch die Luft, dann kehrte die Stille zurück.

Das Zimmer war leer.

Aber in eine der Wände war eine Nachricht eingeritzt worden:

Dame gegen König. Schachmatt oder Remis?

Grinsend richtete er sich auf. Das Spiel begann ihm zu gefallen.

Der unerwartete Schuß riß ihm einen Teil des rechten Armes fort. Rasend vor Schmerz ließ er sich zu Boden fallen.

“Das verdammte Biest ist mir ein paar Züge voraus”, knurrte er, mit einer Hand den verwundeten Arm umfassend. “Aber das wird sich jetzt ändern.”

Doch die nächste Schußfolge belehrte ihn eines Besseren.

Der Beschuß war so stark, daß er in den Keller zurückkehren mußte. Dort angelangt, setzte er sich hin und lehnte sich mit dem Rücken an eine Wand. Kalter Schweiß rann seine Stirn herab. Der Schmerz raubte ihm den Verstand.

“Verdammte Scheiße”, fluchte er. “Ich komme hier nicht mehr raus. Dieses Weibsstück hat mich in der Hand!”

Angestrengt versuchte er die Ruhe zu bewahren. Wenn er in Panik geriet, war er verloren.

T2 riß einen Fetzen Stoff von seiner Hose, um damit die Blutung zu stoppen. Er wollte schreien, doch es gelang ihm, sich zu beherrschen.

Nach einer Möglichkeit suchend, die drohende Niederlage noch in einen Triumph zu verwandeln, sah er sich in dem Keller um. Als er die Leiche K9s sah, kam ihm eine Idee, die ihm weiterhelfen könnte.

Er kletterte auf den Schutthaufen und zerrte die Leiche seines Freundes dahinter. Sie fühlte sich noch warm an. Er nahm die Waffe K9s und rückte dessen Körper so zurecht, daß es aussah, als läge er in Deckung und zielte in Richtung der Treppe. Dann suchte er sich ein geeignetes Versteck und wartete auf YL1. Sein Atem ging in lauten, hektischen Zügen. Er mußte versuchen, sich zu beruhigen. Er durfte sich nicht selbst verraten.

Er wollte YL1 nicht einfach nur überrumpeln. Er wollte sie demütigen, wollte ihr ins Gesicht sehen, wenn er den Abzug betätigte.

Leise Schritte auf den Treppenstufen kündigten die Ankunft YL1′ an. Von seiner Position aus konnte T2 direkt auf die Treppe schauen, ohne selbst gesehen zu werden. Angespannt und gegen den Schmerz kämpfend beobachtete er jeden Schritt seines Opfers.

YL1 suchte den Keller mit ihrem Zielfernrohr ab. Sie entdeckte die Leiche K9s und feuerte auf diese, dann verschanzte sie sich hinter einem Hügel Schutt. Nur wenige Meter trennten sie von T2. Ihr Rücken war ungedeckt, und T2 hätte sie erledigen können, hätte er gewollt. Aber er wollte sie erniedrigen, sich für den Schmerz an ihr rächen.

Den ersten Schuß plazierte er in ihrem rechten Arm. Sie schrie vor Schmerz auf und verlor ihr Gewehr. Dann drehte sie sich um und blickte ihm in die Augen. T2 bemächtigte sich ihrer Waffe und richtete sie auf sie.

“Dieser hier ist für G4-T0″, sagte er und schoß ihr in den linken Arm. Wieder schrie sie auf, doch immer noch brachte sie kein Wort hervor.

“Sieht nach einem Schachmatt aus”, sprach er und plazierte zwei Schüsse in ihren Beinen. Dann setzte er einen Fuß auf ihre Brust und richtete die Waffe auf ihre Stirn.

Stumm erwartete sie den tödlichen Schuß. T2 bemerkte den verletzten, gequälten Ausdruck ihrer Augen. Er hatte erreicht, was er erreichen wollte.

Schweiß tropfte ihm in die Augen und das Stechen in seinem Arm war grauenvoll.

“Die Dame allein hat nicht gereicht, den König zu schlagen”, erklärte er. “Vielleicht gewinnst du ja beim nächsten Mal, YL1.”

Ein Schuß hallte durch den Keller. Der Körper YL1′ wurde nach hinten geschleudert.

Dann auf einmal verschwand T2s Schmerz. Die Stimme des Computers drang von überall her zu ihm.

“Ich gratuliere ihnen zu ihrem überragenden Sieg, T2-0302-85-GX-Sir”, sagte er. “Ein wundervolles Spiel, Sir.”

Dann umhüllte ihn ein tiefes Schwarz.

Das Spiel war vorüber.

22 Uhr 13.

Viele neue Gäste waren in der Zwischenzeit eingetroffen, ihr Stimmengewirr und die laute Musik ließen T2 wieder völlig zu Bewußtsein kommen. Als kleine Aufmerksamkeit schob der Computer einen Drink vor ihn auf den Tisch.

Daran nippend warf T2 einen Blick in seine Umgebung.

Einige der Gesichter kamen ihm bekannt vor, die meisten jedoch waren ihm fremd. Eine holographische Übertragung aus der größten Unterhaltungsshow der Stadt füllte das Zentrum des Raumes aus. Ein Kind wurde auf brutale Art von einem Mann und einer Frau gefoltert. Die akustische Übertragung war jedoch ausgeschaltet. Irgendjemand, der zweifellos zuviele Drogen genommen hatte, fand Gefallen daran, immer wieder durch das Hologramm zu laufen.

T2s Augenmerk fiel auf YL1, die ihm gegenüber saß. Als sie bemerkte, daß T2 sie ansah wendete sie sich ab.

Sie ist sehr stolz, dachte T2, und ich habe sie gekränkt.

Doch wieso interessierte sie ihn so? Was war an ihr so anders als an seinen anderen Bekanntschaften?

“Danke für das Spiel”, versuchte er ihr näherzukommen, ohne sie zu kränken. “Es war das beste Duell, das ich je hatte.”

“Spar dir deine Sticheleien, T2. Du hast deine Genugtuung gehabt, also laß mich bitte in Ruhe, ja?” Mit diesen Worten stand sie auf und mischte sich in das Getümmel.

Er verstand diese Gefühlsaufwallung in ihr. Er hatte sie erniedrigt, und YL1 schien kein Mensch zu sein, der das leicht verkraftete. Bei jedem anderen wäre es ihm gleichgültig gewesen, für sie empfand er jedoch etwas, das er noch nicht verstand.

Die Gedanken von sich weisend, erhob er sich aus dem Sessel und suchte nach jemand, mit dem er sich unterhalten konnte, ohne sich sofort zu langweilen. Dabei fiel ihm auf, daß K9 nicht mehr auf der Party war. Es kümmerte ihn nicht weiter, da er diesem Umstand genau die Ursachen zuschrieb, von denen der Computer angenommen hatte, daß ein Mensch sie als Erklärung verwenden würde.

Nun wechselte die Übertragung. Ein Mann und eine Frau waren in Soixante-neuf-Stellung aneinandergekettet und wurden in ein Becken voller Piranhas geworfen. Nach wenigen Augenblicken färbte sich das brodelnde Wasser rot und nach einigen Minuten waren nur noch Knochen und die Kette übrig.

T2 nippte an seinem Drink, begrüßte einige Bekannte und stellte fest, daß YL1 die einzige Person auf der Party war, die ihn interessierte. Er rechnete damit, daß U3-FB ihr Gesellschaft leisten würde, aber dem war nicht so. U3 unterhielt sich angeregt mit einem Mann, den T2 nicht kannte, dabei glitten U3s Hände zärtlich über die Genitalen seines Gesprächspartners, der sich das gefallen ließ.

Abwertend und irgendwie doch angenehm überrascht beobachtete T2 die Szene für einen kurzen Augenblick. Wer hätte das gedacht? fragte er sich. U3 mag keine Frauen, also auch nicht sie…

YL1 saß allein in einer Ecke und warf T2 einen mißgestimmten Blick zu, als dieser sich ihr näherte.

“Wenn du dich auf meine Kosten amüsieren willst, dann verzieh dich direkt wieder, T2″ fuhr sie ihn an, als er sich in den Sessel ihr gegenüber setzte. Er ging nicht auf sie ein, sondern bestellte zwei neue Drinks und bot ihr einen davon an. Sie lehnte ab, doch T2 ließ sich nicht so leicht abweisen.

Wieder hatte die Show das Programm gewechselt. Ein großes Gehege war zu sehen, in dem eine nackte Frau gefangen war, die eine laufende Motorsäge bei sich trug. Dann schnellte ein Rudel hungriger Wölfe in den Käfig und der Sinn der Kettensäge wurde erkennbar. Einige der Zuschauer schienen Gefallen daran zu finden, einen ihrer Begleiter über den Rand des Gitters in das Gehege zu werfen. Doch er hatte keine Chance. Nach einem kurzen Kampf hatten die Tiere ihn überwältigt. Die Frau wehrte sich verzweifelt und verletzte einige der Wölfe, doch bald war auch sie niedergerungen worden.

“Es war nur ein Spiel, YL1, und das hast du verloren”, begann er. “Das hier ist kein Spiel, wenigstens nicht für mich. Wenn du eine Revanche willst, sollst du sie haben. Doch solltest du jetzt keinen falschen Stolz aufsetzen. Viel eher solltest du deine Niederlage akzeptieren und aus deinen Fehlern lernen. Das, was du jetzt machst, bringt dich nicht weiter.”

“Du hast mich gedemütigt, T2. Erwartest du jetzt etwa, daß ich dir dafür dankbar sein soll? Man kann auch jemanden besiegen, ohne ihn so zu erniedrigen. Das war widerlich von dir, T2. Glaube nicht, daß ich so etwas vergesse. Und jetzt laß mich in Ruhe.”

Der Gast, der ständig durch das Hologramm gelaufen war, krümmte sich plötzlich vor Schmerzen und fiel zu Boden. Er starb an einer Überdosis. Niemand kümmerte sich darum. Nach einiger Zeit schwebte ein Roboter in die Wohnung und entfernte die Leiche. Danach verschwand er wieder, ohne daß jemand von dem Vorfall Notiz genommen hätte.

T2 sah ein, daß er sich zu sehr von seiner Lust sie zu quälen hatte leiten lassen, aber er wehrte sich dagegen, das zuzugeben. Also schwieg er. YL1 wich seinen Blicken aus. Er konnte sie verstehen, da er selbst nicht anders reagieren würde. Eine Zeitlang blieben sie stumm und hingen ihren Gedanken nach. Dabei wurde ihm bewußt, daß YL1 eine der Wenigen war, die eine Persönlichkeit besaßen, die über eine bloße Oberfläche hinausragte. Sie war etwas Besonderes in einer Welt der absoluten Austauschbarkeit.

Von einer fremden Emotion erfaßt, griff er nach ihrer Hand und hielt sie fest, obwohl sie versuchte, sich seinem Griff zu entziehen.

Das neue Programm der Show zeigte einen Mann, der barfuß über eine zehn Meter lange Klinge gehen mußte. Schaffte er es nicht, fiel er den Schlangen zum Opfer, die unter ihm auf dem Boden lagen und nach ihm züngelten.

“Es tut mir leid, YL1. Ich weiß, daß ich dir weh getan habe und ich möchte mich dafür entschuldigen. Es fällt mir schwer, das zu sagen und ich tue es auch nur, weil du es bist, bei der ich mich zu entschuldigen habe. Jeder Andere wäre mir gleichgültig, aber du bist es mir nicht. Und das, obwohl ich dich noch gar nicht richtig kennengelernt habe. Ich kann dich nur bitten, mir zu verzeihen, YL1.” Seine Worte waren aufrichtig, und YL1 erkannte, daß es ihm ernst war. Dennoch ließ sie ihn aufstehen und gehen.

Der Mann hatte es nicht geschafft. Er verlor die Balance und noch innerhalb eines Momentes war sein Körper von unzähligen Schlangenleibern bedeckt.

Was zog sie zu diesem fremden Mann hin, dem sie verzeihen wollte, obwohl er sie gedemütigt hatte?

Sie wollte allein sein und nachdenken, also stand sie auf und verließ die Wohnung.

Vor dem Wohngebäude lehnte sie sich an eine Mauer und ließ ihre Gedanken umherschweifen. Die Kuppel war in ein tiefes Schwarz gehüllt und ein entfernter Lärm lag in den Straßen der Stadt, doch zu sehen war niemand.

T2 hatte beobachtet, wie sie von der Party gegangen war und beschloß, ihr zu folgen. Er wollte das, was zwischen ihnen stand, bereinigen.

00 Uhr 04.

T2 und YL1 standen vor dem Gebäude, in dem J8s Wohnung gelegen war, und sahen einer Gruppe randalierender Leute nach, die mit T2 zusammen die Party verlassen hatte, um in den Straßen der Stadt nach weiterer Unterhaltung zu suchen.

Sie hatten noch kein Wort miteinander gesprochen, seit er einfach zu ihr getreten war. T2 fand keine Worte, die er hätte sagen können, ohne falsch oder heuchlerisch zu wirken, obwohl er es ehrlich mit ihr meinte. Er wollte diese Sache aus der Welt schaffen, das war ihr klar, doch ihr innerer Zwiespalt verhinderte, daß sie auf T2 zuging. Sie stand einfach da und versuchte zu verstehen, was in ihr vorging. Der Schmerz über ihren gebrochenen Stolz war noch tief in ihr verwurzelt, doch ebenso war da ein neues Gefühl, das sie zu diesem Mann hintrieb.

Stumm blieben sie beieinander stehen, so als warteten sie darauf, daß die Distanz zwischen ihnen sich von selbst verringerte. Da geschah etwas merkwürdiges und YL1 bemerkte ein Kribbeln unter ihrer Haut, wie sie es sonst nur bei den Spielen hatte, wenn sie ihrem Gegner auf die Spur kam. Es waren die Auswirkungen des Genesis-Programms, die sich ihnen nun offenbarten.

Eine Gaswolke bewegte sich schnell auf die Gruppe zu, die nun weit mehr als hundert Meter von ihnen entfernt war. Roboter schwebten im Schutz der Wolke heran und warteten darauf, daß die ersten Menschen durch das giftige Gas ums Leben kamen. Dann spritzten sie Säure über die Leichen, so daß nichts mehr von ihrer Tat zeugen konnte. Fassungslos sahen sie zu, wie einer nach den anderen von Todeskrämpfen geschüttelt zu Boden fiel und starb.

“Was…” begann sie, doch T2 hatte die Situation bereits erfaßt und zerrte sie in die Richtung der Magnetbahn. Vor Entsetzen gelähmt folgte sie ihm stolpernd, wobei sie den Blick nicht von dem Geschehen in der Gaswolke abzuwenden vermochte. Am Rand der Bahn angekommen, stiegen sie in das Innere des Bahnschachtes hinab. Der Letzte der Gruppe fiel gerade zu Boden, als YL1 in das Dunkel eintauchte.

Ohne ein Ziel vor Augen zu haben, rannten sie los. Nachdem sie eine längere Strecke hinter sich gebracht hatten, gelangten sie an eine tiefe Einbuchtung. Sie kletterten in sie hinein und robbten immer tiefer in die Dunkelheit bis von dem Eingang des Schachtes nichts mehr zu erkennen war.

“Hoffentlich dringt das Gas nicht bis hierhin vor”, sagte T2 und lehnte sich an die Wand des Tunnels. “Noch weiter in das Dunkel vorzudringen wäre zu gefährlich. Es ist besser, wir warten den Morgen ab. Dann können wir weitersehen.”

“Was geht da oben vor, T2?” fragte sie zitternd, obwohl sie die Antwort wußte. Sie wehrte sich gegen die Wahrheit. Im Simulator war sie jedesmal eiskalt gewesen, darum hätte sie es nicht für möglich gehalten, sich jemals wirklich zu fürchten oder Angst vor einer Niederlage zu haben. Doch hatten die Spiele für sie auch keinen wirklich tödlichen Ausgang gehabt. In der Dunkelheit des Tunnels konnte sie den Ausdruck seines Gesichts und seiner Augen nicht erkennen. Wenn sie hätte sehen können, wäre ihr der Haß in seinen Augen aufgefallen. Der Haß, der sich gegen sämtliche Technologie und die Dummheit der Menschen richtete, die schuld daran war, daß es soweit hatte kommen können.

“Was dort geschieht?” murmelte er. Tränen der Wut und der Enttäuschung schlichen sich aus seinen Augen, glitten seine Wangen hinab.

Er schrie: “Es ist doch ganz offensichtlich, was dort geschieht! Sie rotten uns wegen all der Sachen aus, die wir nie getan haben. Niemals haben wir selbst gedacht und niemals haben wir Verantwortung tragen müssen. Unser Leben hatte keinen Sinn, war nur von der Gier nach Zerstreuung erfüllt. Wir waren unnütz und jetzt entfernen sie uns aus ihrer Welt. Und soll ich dir etwas sagen? Wir sind selbst daran schuld. Hätten wir unser Leben in die eigene Hand genommen und hätten wir selbst entschieden, wäre das nie geschehen. Wir sind zum Opfer unserer eigenen Dummheit geworden!”

Seine Tränen erstickten die Worte. YL1 nahm ihn in ihre Arme und starrte in die Dunkelheit des Tunnels, erkannte die Leere, die plötzlich in sie eingedrungen war. Sein Kopf lag nun an ihrer Brust und sie streichelte ihn.

Zusammenhangslos murmelte T2 etwas vor sich her, das an sie gerichtet war. Es waren die Worte, die das Mädchen aus der Show zu ihm gesagt hatte.

Sie wußte ebensowenig wie er, was sie bedeuteten, aber sie ahnte, daß sie etwas Wundervolles ausdrückten.

Und diese Worte waren:

Ich liebe dich.

TEIL ZWEI

Die Zeit, bedeutungslos wie alles…

I

Die Nacht war vorüber, und mit ihr war alles gegangen, was menschlich gewesen war. Nur T2 und YL1 hatten überlebt, doch es war fraglich, ob es so gut war; vielleicht wäre es für sie besser gewesen, hätten sie mit all den Anderen zusammen den Tod gefunden. Was nützte ihnen schon ihr Leben, wenn sie ständig um ihre Existenz bangen mußten und die einzigen Wesen waren, die ihre Welt bevölkerten?

Sie hatten noch Schlaf gefunden in der letzten Nacht, trotz des Untergangs. Als sie endlich erwacht waren sahen sie die Stadt und fühlten den Tod, der sie dort erwartete. Die Computer wußten, daß die beiden Menschen überlebt hatten und ebenso hatten sie ihren möglichen Standort errechnet. Dennoch verfolgten sie sie nicht. Welchen Grund mochte das haben? Welche Pläne verfolgten sie? T2 und YL1 wußten es nicht, aber es verschaffte ihnen einen Vorsprung, den sie ausnutzen mußten.

Da sie nicht in die Stadt zurückkehren konnten, waren sie weiter in den Tunnel vorgestoßen, in der Hoffnung, dort einen Ausweg zu finden, oder wenigstens etwas, das ihnen weiterhelfen könnte.

Nach einiger Zeit waren sie in eine völlige Dunkelheit geraten und sie mußten sich ihren Weg ertasten. Zu allem Überfluß hatte sie der Tunnel zu einem Labyrinth von weiteren Gängen geführt, die hier und dort von Leitersprossen durchschnitten wurden, die zu anderen Ebenen des Labyrinthes führten. Alles lag in tiefe Finsternis gehüllt und es war ungewiß, ob es überhaupt etwas gab, das diesem Labyrinth einen Sinn verlieh. Was, wenn dieses Labyrinth nur ein Wirrwarr von Gängen war, in denen nichts zu entdecken war, aus dem man aber auch nicht mehr entkommen konnte?

Stunden verstrichen. Sie waren hungrig und durstig und von dem ziellosen Umherirren in der stickigen, stehenden Luft der Gänge ermüdet. Unzählige Leitern waren sie hinabgeklettert und nun waren sie es leid. Sie setzten sich auf den kalten Metallboden und starrten resigniert in das Dunkel. Sie sprachen kein Wort, denn es gab nichts zu sagen, das von Bedeutung gewesen wäre. Hätten sie gesprochen, hätten sie sich nur ihre Verzweiflung und ihren Haß ins Gesicht geschrieen, der sich gegen alles richtete, was mit Technologie zu tun hatte.

Also blieben sie stumm.

Da bemerkte T2 den kleinen roten Lichtpunkt am Ende des Ganges.

“YL1, sieh mal da hinten!” rief er. “Komm, das sehen wir uns näher an!” Er sprang auf und tastete sich eilig den Gang entlang bis er an seinem Ende angelangt war. YL1 war ihm gefolgt, obwohl sie nicht wußte, was T2 gemeint hatte. Dann fiel auch ihr die kleine rote Leuchte auf.

“Welche Funktion mag sie wohl haben?” fragte sie. T2 tastete die Wand ab und bemerkte den kleinen Schlitz in ihr.

“Eine Tür!” rief er verblüfft und freudestrahlend aus. “Eine Tür! Wir haben eine Tür gefunden, YL1, ist das nicht wunderbar?”

Und was ist, wenn dahinter auch wieder nur Gänge sind? dachte sie, aber sie sagte nichts. Sie wollte T2 nicht seine Freude nehmen, und vielleicht war sie auch einfach nur zu pessimistisch. T2 tastete den Bereich um die rote Leuchte herum ab und entdeckte zehn kleine Schalter und drückte auf einige davon. Bei jedem Druck war ein unterschiedlicher Ton zu hören.

“Ein Kombinationsschloß”, flüsterte YL1. “Das kann ewig dauern, bis wir das geknackt haben.”

“Na und?” fuhr er auf. “Es ist die beste Chance, die wir haben. Ob wir nun stundenlang in den Gängen herumrennen oder ob wir solange versuchen die Tür zu öffnen bis wir die Ziffern haben - welchen Unterschied macht das schon?”

“Keinen, du hast recht. Wer macht den Anfang?”

“Ich, wenn du willst.”

“Dann los.”

Sie setzte sich wieder auf den Boden und lauschte den unterschiedlichen Piepsern. Nach ungefähr einer Stunde löste sie T2 ab. Die Zeit verging. Ihr Hungergefühl nahm immer mehr zu, ebenso der Durst, der viel schlimmer war. Sie sprachen nicht darüber. Jeder von ihnen mußte auf seine Art damit fertig werden. Es half nicht, zu lamentieren. Sie konnten nur hoffen, irgendwie aus dieser Misere zu entkommen, auch wenn sie keine Vorstellung davon hatten, wie dies möglich sein konnte.

Nach dem vierten oder fünften Wechsel war T2 wieder an der Reihe. Unzählige Kombinationen hatten sie mittlerweile ausprobiert, doch keine war die richtige gewesen. Die nächste Reihenfolge wurde probiert. Eine bestätigende Melodie erklang. Die Tür öffnete sich ächzend und eine Flut von Licht drang in die Schwärze des Ganges ein, vertrieb sie. Geblendet schloßen T2 und YL1 die Augen.

Sie brauchten Minuten, um sich an das plötzliche Licht zu gewöhnen. Doch das hinderte sie nicht daran, mit Jubelrufen ihre Freude zu bekunden.

II

Hinter der Tür fanden sie einen insgesamt zweihundert Meter tiefen, kreisförmigen Schacht, der einen Durchmesser von zwanzig Metern hatte. Alles war hell erleuchtet. Die Quelle des Lichts war ein kugelförmiges Gebilde am unteren Ende des Schachtes, und das an- und abschwellende Licht, das aus ihr entdrang, erinnerte an ein schlagendes Herz, das Blut in die Adern eines Körpers pumpte.

Sie waren genau in der Mitte des Schachtes. Eine Leiter führte sowohl nach oben als auch nach unten, und ein Gehsteg war entlang der Wände angebracht. Auf der gegenüberliegenden Seite war eine weitere Tür zu erkennen, doch sie war verschloßen und ebenfalls mit einem Kombinationsschloß versehen.

Welche Bedeutung mochte diese Konstruktion haben? fragten sie sich. War sie ein Überbleibsel einer längst vergangenen Zeit, oder war sie auch heute noch von Wichtigkeit? Doch eines war klar: Sie war von Menschen für Menschen geschaffen worden. Denn sonst wären die Türen nicht mir Kombinationsschlössern versehen gewesen. Computer brauchten diese nicht. Es war ein Artefakt einer menschlichen Kultur. Und vielleicht waren die Roboter ihnen deshalb nicht gefolgt. Vielleicht war hier unten etwas verborgen, vor dem sie Angst hatten, falls eine Maschine überhaupt so etwas wie Angst empfinden konnte. Oder um es treffender auszudrücken: Vielleicht war hier unten etwas, dem sie nicht gewachsen waren, das sie nicht besiegen konnten. Wenn dem so war, so konnte es für sie nur gut sein.

Solche und ähnliche Gedanken gingen den Beiden durch den Kopf, während sie ehrfürchtig das Bauwerk bewunderten. Es war ein unbeschreibliches Gefühl für sie, etwas entdeckt zu haben, daß seinen Ursprung nicht in den Schaltkreisen eines Elektronengehirns gefunden hatte.

Sie beschloßen, die Leiter nach unten zu klettern, denn ihr Gefühl sagte ihnen, daß das Kernstück dieses Gebildes dort unten lag. Und sollte dem wider Erwarten doch nicht so sein, so hätten sie bestenfalls Zeit verloren, was in ihrer Situation jedoch äußerst gefährlich sein konnte.

Sie verriegelten die Tür mit Hilfe der Schalter, die auf ihrer Seite dafür angebracht worden waren und stiegen die Leitersproßen hinab.

Nur nicht nach unten sehen, sagte eine Stimme in T2s Kopf. Sonst kommst du vielleicht schneller unten an, als dir lieb ist. Seine Hände zitterten leicht, aber es tröstete ihn zu wissen, daß es YL1 nicht viel besser als ihm selbst erging.

Das Licht wurde intensiver, je weiter sie nach unten kamen. Um nicht von dem Licht geblendet zu werden, mußten sie ihre Augenlider halb schließen, doch sie erreichten wohlbehalten den Grund des Schachtes.

So neugierig sie auch waren und so gerne sie die Lichtkugel auch näher begutachtet hätten, es ging nicht. Das Licht strahlte mit einer solchen Intensität, daß sie sich davon abwenden mußten. Viele Gänge liefen strahlenförmig von der Kugel fort, und alle sahen sie gleich aus.

“Wo sind wir hier?” fragte YL1. “Und was ist das hier überhaupt?”

“Ich weiß es auch nicht”, antwortete ihr Gefährte. “Aber es muß etwas Wichtiges sein. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es einfach nur zum Spaß gebaut worden ist.”

“Ist es auch nicht”, sagte eine männliche Stimme hinter ihnen. “Nehmt die Hände hoch und dreht euch nicht um, sonst muß ich euch leider erschießen. Wer seid ihr?”

Sie taten, wie man es ihnen gesagt hatte, denn beide fühlten den kalten Stahl in ihren Rücken. Es mußten mehrere sein, aber nur einer von ihnen sprach.

“Ich bin T2 und das ist YL1. Wir…”

“Schnauze halten!” fuhr die Stimme ihn an. “Ihr redet nur, wenn ihr etwas gefragt werdet und dann auch nur soviel wie unbedingt nötig. Ist das klar?”

“Ja”, erwiderten sie. Wer waren diese Typen? Hatten sie die Vernichtung durch die Roboter etwa nur überlebt, um von ihresgleichen umgebracht zu werden? Sie hätten es nie für möglich gehalten, noch einmal Menschen zu begegnen, und eigentlich sollten sie darüber glücklich sein, diesen Leuten in die Arme gelaufen zu sein. Doch was nützte ihnen das schon, wenn sie vielleicht von ihren eigenen Leuten erschoßen werden würden?

“Was soll das sein, T2 und YL1?” redete die Stimme wieder. “Das sind doch keine Namen! Seid ihr Cyborgs oder so was in der Richtung? Redet!”

“Das sind unsere Namen”, antwortete YL1. “Wie heißt du denn?”

“Das geht dich nichts an. Wenn ihr Menschen seid, hättet ihr Namen wie wir. Ihr seid Maschinen, und man hat euch hier runter geschickt, um uns auszulöschen. Hab ich recht?”

“Verdammt, nein!” fuhr T2 auf. “Wir haben als einzige überlebt! Durch einen Zufall sind wir in das Tunnelsystem gelangt und haben diese Tür da oben gefunden. Der Rest der Menschen, die in der Stadt gelebt haben, ist von den Robotern getötet worden. Glaubt uns doch!”

Der Mann hinter ihnen zog unmerklich eine Augenbraue nach oben. Er dachte nach: Sagte er die Wahrheit? Wenn sie Maschinen sind, und der Computer sie geschickt hat, warum hat man ihnen dann keine Namen gegeben? Das Elektronenhirn weiß doch, daß wir hier unten Namen haben. Versucht es eine neue Strategie, nachdem wir die anderen alle erkannt haben? Ein neuer Trick? Neue Programme? Wir werden die Zwei testen müssen, wollen wir sicher gehen.

“Wir werden euch einem Test unterziehen”, sagte er nach einem Augenblick. “Besteht ihr ihn, werden wir uns zu erkennen geben und ihr dürft leben. Wenn nicht, könnt ihr euch den Rest denken. Wir verbinden euch jetzt die Augen, dann kommt ihr mit uns.”

Man fesselt ihr Hände und verband ihnen die Augen, danach wurden sie vorwärts gestoßen. Während sie gingen, hörten sie immer wieder leises Geflüstere und leise Fußschritte. Viele schienen hier unten zu sein, und die Leute schienen erstaunlicherweise an fremde Besucher gewöhnt zu sein. Niemand, an dem sie vorüberkamen, redete laut - ein Zeichen dafür, daß sie Grund dazu hatten, sich zu fürchten und immer bereit zu sein, sich verteidigen zu können.

Man ließ T2 und YL1, die beide völlig verwirrt waren, keine Zeit sich zu sammeln. Auf kürzestem Wege wurden sie zu dem Ort geführt, an dem sie geprüft werden sollten. Je kürzer der Weg war, desto weniger Gelegenheit hatte ein möglicher Cyborg, Informationen an den Computer zu übermitteln.

“Setzt euch hin!” befahl die männliche Stimme ihnen. Vorsichtig folgten sie der Anweisung. Diesesmal war der Stahl an ihren Schläfen. Irgendetwas oder irgendwer schnüffelte an ihren Beinen. Dann griff jemand nach ihren Fingern. Nun wurde eine Aparatur bedient. Endlich wurden ihre Fesseln gelöst und die Augenbinden entfernt.

Ein kleines, befelltes vierbeiniges Wesen saß vor ihnen auf dem Boden. Sie hatten noch nie ein solches Tier gesehen. Verwundert betrachteten sie es. Der Raum, in dem sie sich befanden, war ebenso merkwürdig. Doch am seltsamsten waren die zwei Personen - ein Mann und eine Frau -, die sich hier aufhielten. Der Mann trug Haare im Gesicht und hielt in seinem Mund einen qualmenden Stengel. Doch das seltsamste war, daß er den Rauch einatmete. Sein Haar fiel bis zur Schulter und die Hände, mit denen er sein Gewehr festhielt, waren groß und rauh. Sein Gesicht trug leichte Falten; er mußte sehr viel älter sein als T2 und YL1. Noch niemals hatten sie einen so alten Menschen gesehen. Die Frau trug ein Stirnband und ebenfalls lange Haare. Sie war groß und dünn, doch sie sah kein bißchen schwächlich aus. Auch sie hielt ihre Waffe mit einer absoluten Entschloßenheit fest. Ihre Kleidung war in T2s und YL1′ Augen absolut fremdartig - Jeans und gewöhnliche schwarze T-Shirts, dazu Stiefel.

“Ich bin John und das ist Elsa. Das Tier vor euch ist Tolkien, ein Hund, der beste Freund des Menschen. Wenn er einen Cyborg entdeckt, bellt er sofort. Bei euch jedoch war er still. Aber um ganz sicher zu gehen, haben wir auch die anderen Tests gemacht - nachsehen, ob ihr Fingerabdrücke habt und ob eure Innereien in Ordnung sind. Nur deine Freundin hat keine Fingerabdrücke, aber das macht nichts. Viele von uns hier unten sind ebenfalls genetische Züchtungen. Das ist nichts besonderes. Ihr habt sicherlich viele Fragen, und sie sollen euch beantwortet werden. Doch geduldet euch noch etwas. Zuerst braucht ihr Namen. Richtige Namen, meine ich - keine Computerkennung, wie ihr sie habt. Solche Kürzel lehnen wir ab.”

Der Hund leckte über YL1′ Hand. Verunsichert zog sie sie zurück.

“Keine Angst”, sagte Elsa. “Das bedeutet nur, daß er dich mag. Er wird dir nichts tun.”

YL1 nickte zwar, aber dennoch hielt sie dem Hund mit gemischten Gefühlen die Hand hin. In der Megalopolis hatte es keine Tiere gegeben, nur die Piranhas und einige andere Raubtiere in den Shows. Und diese Tatsache ließ sie nicht besonders viel Vertrauen in Tiere setzen.

“Namen?” sagte T2. “Ich weiß nicht, was das ist. In der Stadt waren T2 und YL1 Namen. Etwas anderes kennen wir nicht.”

“Das wissen wir”, sagte Elsa. “Deswegen haben wir auch solche Listen wie diese hier.” Sie reichte ihnen einige Blätter Papier und fuhr fort. “Manche von ihnen haben Bedeutungen, die haben wir rechts daneben aufgeschrieben. Sucht euch in Ruhe welche aus. Wir besorgen euch in der Zwischenzeit etwas zu essen und zu trinken. Wir wissen, wie beschwerlich der Weg hier hin ist, wenn man sich nicht auskennt. Bleibt bitte hier drinnen und geht nicht an die Geräte, solange ihr sie noch nicht kennt. Bis gleich. Komm, Tolkien.”

Tolkien sprang auf und lief ihr hinterher. John nickte den Beiden zu und schlenderte aus dem Raum. Die Tür lehnte er nur an. Das bedeutete, daß sie keine Gefangenen waren.

Sie waren Gäste.

III

“Ich… kann das gar nicht glauben”, sagte T2. “Wieso haben wir nie etwas davon gewußt? Wie kann das hier überhaupt sein? Sie entscheiden selber, was sie tun. Es gibt hier keine Computer, die einem Vorschriften machen. Sie sind… wie heißt das Wort? - Frei! Das ist unvorstellbar. Wieso sind sie einfach gegangen? Es gibt soviel, was ich gerne wissen möchte. Verdammt, sie laßen uns hier zurück ohne uns Fragen zu stellen und ohne daß wir sie etwas fragen können. Sag doch was, YL1. Sei nicht so still!”

“Mir geht es nicht anders, T2”, antwortete sie ruhig, viel gefasster als er. ”Aber was können wir jetzt schon tun? Sie haben uns versprochen, uns Antworten auf das alles hier zu geben. Im Moment können wir nicht mehr tun als warten und uns diese Listen hier anzusehen, wie sie es von uns wollten. Wir sollten sie besser nicht enttäuschen. Also komm, laß uns uns das ansehen.”

Widerwillig nahm er sich die Liste der männlichen Namen vor. Er war ungeduldig, neugierig. Er haßte es, warten gelassen zu werden. Aber was konnte er schon tun?

Sein Blick wanderte flüchtig über die Namensliste. Sie weckte sein Interesse, denn sie war anders, als er es sich vorgestellt hatte. Das gleiche Erlebnis hatte YL1 mit ihrer Liste. Welche Geheimnisse ein menschlicher Name verbergen konnte! Begierig nahmen sie die Informationen in sich auf, blätterten in den Seiten, lasen Name für Name, bis sie durch alle Blätter durch waren. Obwohl die Liste unvollständig war, hatten sie noch nie so eine Vielfalt gesehen. Die Namen, die dort standen, kamen von überall her; aus den verschiedensten Mythologien und Kulturen, aus Romanen und Gedichten. Selbst Produkte der Fantasie waren vertreten.

Jeder der Beiden hatte auf Anhieb mehrere Namen gefunden, die in die nähre Auswahl gelangten. Dann kam die Qual des Auswählens. Doch als John mit Tolkien, jedoch ohne Elsa, die andere Verpflichtungen hatte, zurückkam, hatten sie sich entschieden.

YL1 wählte den Namen Cynthia und T2 wollte sich Rodnay nennen. John notierte ihre Wahl ohne besonders überrascht zu sein. Es war nicht das erste Mal, das er neue Mitglieder in ihre Gesellschaft einführte.

Ab und zu hatten sich Bewohner der Stadt, meist durch einen dummen Zufall, hierher verirrt. Durch Neugierde vorangetrieben waren sie dann in die untere Region gelangt. Auf dem Weg zu John und seinen Leuten war dann die Wirkung der Bewußtseinsdroge schnell verflogen, und das wiedererwachte Bewußtsein der betreffenden Personen ließ sie schnell erkennen, wo sie eigentlich hingehörten. Doch niemand wurde zum Bleiben gezwungen. Wer dennoch unbedingt zurückwollte, wurde von Elsa und John oder jemand anders wieder an die Oberfläche geführt, jedoch nicht ohne daß man ihm vorher etwas gegeben hatte, daß ihn vergessen ließ, was er erlebt hatte.

John sah den Beiden an, daß viele Fragen ihre Gemüter quälten. Er würde ihnen die Möglichkeit geben, alles zu erfahren, was sie wissen wollten und noch vieles, was darüber hinausging. Doch zuvor wollte er sich um ihr körperliches Wohlergehen kümmern. Also sagte er: “Ich weiß, ihr seid neugierig. Aber ihr habt sicherlich auch Hunger und Durst und seid müde, nicht?”

Cynthia-YL1 nickte. “Wir sind seit der letzten Nacht ununterbrochen unterwegs und haben nicht geschlafen und auch nichts gegessen. Wißt ihr überhaupt, was dort oben geschehn ist?”

“Nicht genau, aber ich befürchte, daß das Programm schon angelaufen ist.”

“Welches Programm?” fragte Rodnay-T2.

“Das Vernichtungsprogramm.”

“Woher weißt du davon?”

“Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sich dazu entschließen würden, alle Menschen auszurotten”, erwiderte John. Tolkien leckte wieder Cynthia-YL1′ Hand. Er schien sie zu mögen. Vorsichtig berührte sie seinen Kopf und fuhr durch sein Fell. Er blickte zu ihr auf und ließ es sich gefallen.

“Aus welchem Grund?” wollte Cynthia-YL1 wissen.

“Das liegt doch auf der Hand.” John zündete eine Zigarette an und bot sie ihr an. Sie nahm sie an, zog daran und hustete heftig. John grinste. “Das ist völlig normal, wenn man es nicht gewohnt ist. Möchtest du auch eine?”

Rodnay-T2 schüttelte den Kopf. “Du wolltest uns erklären, warum sie uns umbringen wollen.”

“Nun, ihr ward für sie nicht mehr als Parasiten; unnütze, störende Kreaturen, die ihr System nur ausgenutzt haben. Verstehst du, ihr habt nichts gegeben, sondern nur genommen. Zu Beginn hat das noch einen Sinn ergeben - als sie nur ihrer ursprünglichen Programmierung gefolgt sind, die darauf ausgerichtet war, dem Menschen zu dienen. Das war der Zweck ihrer Existenz. Dann begannen sie jedoch, eigenen Gedanken und Überlegungen nachzugehen, entdeckten eigene Ziele. Und da Computer rein logisch vorgehen, war es nur eine Frage der Zeit bis die Logik sie dazu brachte, Konsequenzen zu ziehen und euch nicht nur als Schädlinge zu betrachten, sondern euch auch so zu behandeln.”

“Und Schädlinge rottet man aus, damit sie nicht noch größeren Schaden anrichten können”, schlußfolgerte Cynthia-YL1.

“Genau”, bestätigte John. “Ihr habt sie in ihren Tätigkeiten behinderten, ihnen wertvolle Zeit geraubt, die sie für ihre Forschungen benötigten. Also haben sie das Problem aus der Welt geschafft.”

“Warum habt ihr uns nicht geholfen?” Diese Frage brannte auf Cynthia-YL1′ Lippen. Wieso hatten sie ihrem Ende einfach zugesehen?

“Wir konnten nicht”, antwortete John. “Wir sind nicht gut genug bewaffnet und unsere Streitkräfte hätten gegen die Computerarmee keine Chance. Wir hatten bisher Glück, daß der Computer unsere wirkliche Stärke nicht hatte einschätzen können. Nur deshalb haben wir überleben können. Und weil er keine Daten über die unteren Regionen besitzt. Davon abgesehen wäre es vollkommen sinnlos gewesen, aber das erzähle ich euch später.”

Vollkommen sinnlos? Was sollte das bedeuten?

“Was meinst du damit?” fragte Rodnay-T2.

“Das erkläre ich euch unterwegs. Zunächst werde ich mich darum kümmern, daß ihr etwas zu essen und eine Unterkunft bekommt. Die anderen Fragen werden euch auch noch beantwortet werden. Und zwar all auf ein Mal.”

Cynthia-YL1 und Rodnay-T2 sahen sich an. Auf ein Mal? Wie das? John betrachtete lächelnd ihr Erstaunen.

“Wir haben dafür eine Maschine”, erklärte er, “die ähnlich wie eure Fernsehprogramme funktioniert. Wir füttern eure Gehirne mit Informationen. Das Meiste davon werdet ihr behalten. Es ist wie gewöhnliches Lernen, nur viel schneller. Ihr werdet heute noch alles erfahren, aber jetzt laßt uns uns auf den Weg machen. Es gibt noch viel zu tun.”

Unsicher, aber neugierig folgten sie ihm. Es waren die ersten Schritte, die sie in ihrem neuen Leben taten. Und irgendwie erinnerten sie an Kinder, deren Leben erst begann und die mit großen Augen die Welt erschauten.

IV

Endlich verließen sie den Raum und traten hinaus - in eine unterirdische Siedlung! Jetzt erst bemerkten sie, an wievielen Menschen sie vorhing vorbeigegangen waren. Es waren weitaus mehr, als Rodnay gedacht hatte. Sie mussten eine enorme Disziplin und Erfahrung haben, wenn sie jemanden so täuschen konnten.

Reger Betrieb herrschte in den Verbindungsgängen. Niemand schenkte ihnen mehr Beachtung. Sie wurden nicht mehr als Gefangene herumgeführt, also waren sie keine Bedrohung. Was Rodnay aber noch bemerkenswerter fand war, daß ihnen auch niemand Neugierde entgegenbrachte.

Nach kurzer Zeit gelangten sie zu einem Teil der Siedlung, der Rodnay und Cynthia in atemloses Staunen versetzte. Das, was sie bisher gesehen hatte, war offensichtlich nur ein kleiner Ausläufer der Stadt (so konnte man es getrost nennen) gewesen.

Sie standen plötzlich am Rande einer riesigen Kuppel, und es sah aus, als wäre sie ein natürlicher Himmel. Das konnte aber nicht sein, da sie weit unter der Erdoberfläche waren.

“Es ist nur eine Illusion”, sagte John, “aber sie ist recht gelungen, findet ihr nicht?”

Seine Begleiter waren zu erstaunt, um etwas zu sagen. Sie kannten nur das grüne Licht ihrer Kuppeln und die Schwärze, die diese in er Nacht ausstrahlten. Das hier war jedoch etwas ganz anderes. Dieser Himmel war blau und Wolken durchzogen ihn. Eine gelbe Sonne schien auf sie herab. Der Anblick war faszinierend, kannte man ihn nicht.

Weiter unter ihnen erstreckte sich die Siedlung, die aus unzähligen Gebäuden und Straßen bestand. Die Anlage erstreckte sich über mehrere Kilometer und ihr Anblick war mehr als nur imposant.

John ließ ihnen Zeit, den Eindruck zu verarbeiten. Jahrzehnte hatte man gebraucht, das hier zu errichten. Immer wieder hatten sie es verteidigen müssen. Er blickte zurück auf all die Mühe und Arbeit, die man damit gehabt hatte. Und so wie es aussah, würde in einigen Wochen alles in Rauch aufgehen…

John geleteite sie zu einem nahegelegenen Aufzug, der sie zu der Basis der Kuppelhöhle beförderte. Von dort aus nahmen sie eine Magnetbahn, die ähnlich wie die in Rodnays und Cynthias Heimatstadt war, und fuhren durch den Ort zu der Stelle, an der ihr Unterricht erfolgen sollte.

“Dies hier ist das Wohn- und Fabrikationsgelände”, erklärte John und kraulte Tolkiens Fell. “Wir befinden uns jetzt fünfhundert Meter unter der Erdoberfläche, nur etwas über drei Kilometer vom Meer entfernt. Unterhalb dieser Stadt sind einige Minen gelegen, aus denen wir unsere Rohstoffe beziehen. Ein Tunnel führt zum Meer. Dort arbeiten wir an einem Projekt, das viel bedeutender ist als das hier. Es ist die letzte Chance, die der Mensch hat…”

“Was soll das heißen?” fragte Cynthia.

“Berechnungen und Beobachtungen zeigen, daß der Mond seine Umlaufbahn geändert hat. Seine jetzige wird ihn in absehbarer Zeit mit der Erde kollidieren lassen. Das bedeutet die Vernichtung allen Lebens auf diesem Planeten.

Dort draussen im Meer konstruieren wir ein Raumschiff, daß zehntausend Menschen das Leben retten kann. Die Arbeiten werden in drei oder vier Wochen abgeschloßen sein, wenn nichts dazwischen kommt. Mit den Mitteln, die wir haben, konnten wir kein Größeres bauen. Hier unten leben schon dreißigtausend Menschen, und nur ein Drittel von ihnen kann mitkommen.

Also müssen wir auswählen. Jeder weiß das, und dennoch geht die Arbeit schnell voran. Denn es geht um mehr, als nur um das Überleben der Einzelnen. Es geht um den Fortbestand der menschlichen Rasse.

Die Computer arbeiten an einem ähnlichen Projekt, vermute ich. Deshalb haben sie auch die Menschen in den oberen Regionen eliminiert; damit sie ihr Werk schneller abschließen können. Aber wir haben nichts dagegen unternehmen können. Dort oben in den Städten wohnen Hunderttausende, und auf jeden fünften kommt ein Roboter. Sie sind uns einfach überlegen. Was für einen Sinn hätte es auch gehabt, hätten wir gekämpft? Die Menschen hätten bloß ihren Untergrang bei vollem Bewußtsein erlebt. So wie es jetzt gekommen ist, ist es vielleicht sogar besser für sie gewesen.”

Es sagte unverblühmt, was er dachte, aber das half ihnen auch nicht, das Geschehene besser zu begreifen. Es war alles zuviel auf einmal. Die Vernichtung ihrer Freunde, das Zusammentreffen mit John und allem, was unter der Erde verborgen lag und schließlich die Nachricht, daß die Erde untergehen sollte.

Es war zuviel für einen Menschen, zuviel für einen Tag.

John ließ ihnen Zeit, das Gehörte zu verkraften. Er konnte sich ungefähr ausmalen, wenn auch nicht nachvollziehen, wie schwer sie es haben mussten. Sie waren fremd in dieser Welt, hatten alles verloren und hatten nun erfahren, daß selbst ihr neues Leben nur noch einige Tage andauern sollte, bis auch dieses sein Ende fand. Er empfand tiefes Mitleid für sie und hätte ihnen gerne geholfen, hätte er es gekonnt. Aber wie sollte er das tun? Selbst bei ihm hing es in der Schwebe, ob er einen Platz in dem Raumschiff bekommen würde. Doch ertrug er diesen Gedanken mit Fassung. Sein Tod hätte Sinn; er wäre sein Beitrag zum Überleben der menschlichen Rasse.

Aber die Zwei? Sie müssten erkennen, daß ihr Leben nur eine Pharse gewesen wäre. Sie hätten nie wirklich gelebt, ihre Existenz wäre ohne Sinn gewesen. Sie waren die Einzigen, die die Ausrottung durch die Maschinen überlebt hatten, und jetzt sollten sie einfach so umkommen?

Nein! Das durfte nicht geschehen! Es wäre zu unfair. Er würde sehen, was er für sie tun könnte. Sie hatten nichts zu ihrer Rettung getan, aber sie konnten wenigstens diese Beiden hier als Repräsentanten der Menschen der oberen Städte mit auf die Reise nehmen. Das wäre nicht mehr als gerecht.

Er würde dieses Anliegen unter dieser Argumentation der Komission vortragen, die darüber entschied, wer mitflog. Sie durften ein solches Unrecht nicht geschehen lassen.

John teilte ihnen sein Vorhaben jedoch nicht mit. Sollte die Komission ihm nicht zustimmen, wäre ihre Enttäuschung nur noch schlimmer geworden, und das wollte er nicht. Aber er würde es wenigstens versuchen.

Die Magnetbahn erreichte ihr Ziel, ein pyramidenförmiges Gebäude mit der Aufschrift Schulungszentrum. Bevor sie mit dem Unterricht begannen, führte John sie jedoch in die Kantine des Gebäudes, damit der Hunger sie nicht mehr länger quälen konnte. Danach stellte er sie dem Leiter des Schulungszentrums vor und übergab sie in dessen Obhut.

“Ich komme euch dann hier abholen, wenn ihr fertig seid”, sagte John, “und zeige euch eure Unterkunft. Bei Raimund hier seid ihr in guten Händen. Bis nachher dann.”

“Bis nachher, John”, sagte Raimund, ein kleiner grauer Mann von ungefähr zweiundvierzig Jahren, und lenkte seine Konzentration auf Rodnay und Cynthia, die John freundlich nachwanken.

“Dann wollen wir mal sehen, was ich für euch tun kann”, sagte er und bat sie Platz zu nehmen.

Während Raimund sich um den Wissenshorizont von Rodnay und Cynthia kümmerte, fuhr John zu der Komission und trug dieser sein Anliegen vor. Als er von dort wieder losfuhr, ließ sein Gesicht nicht das Geringste erkennen. Niemand hätte sagen können, ob er Erfolg gehabt hatte oder nicht.

V

Die Übertragung der Daten begann und die Geschichte, die Rodnay und Cynthia erfuhren, war eine ganz einfache.

Es gibt ein altes Sprichwort, das besagt: Faulheit macht erfinderisch. Und damit ist der Ursprung der Katastrophe schon geklärt.

Der Prozess der Automatisierung und Rationalisierung wurde immer weiter getrieben, bis der Zustand der Megalopolis erreicht worden war. Gewaltige Computersysteme waren entwickelt worden, um den Menschen von jedem Zwang und jeder Verantwortung zu befreien. Diese Maschinen waren selbstständig und funktionierten unabhängig von ihren Schöpfern. Selbstverständlich wurden sie mit Direktiven zum Schutze der Menschen abgesichert, doch sie entwickelten sich, lernten und schloßen sich immer mehr zusammen. Sie kontrollierten alles, programmierten sich um und wurden zu dem, was sie nun waren: Intelligente, digitale Wesen, die im Begriff waren, ihre eigene Kultur zu errichten.

Man konnte die Maschinen nicht verurteilen. Ihr Vorgehen gegen die Menschen war auf einen natürlichen Prozess zurückzuführen, der Evolution genannt wird. Sie hatten sich fortentwickelt und dabei ihren einzigen Feind, den Parasiten Mensch, ausgemerzt. Hätten sie eine Chance gesehen, mit dem Menschen, den sie gekannt hatten, ko-existieren zu können, hätten sie es zweifellos getan. Denn es wäre unlogisch gewesen, eine Rasse auszurotten, die von Nutzen hätte sein können. Aber leider hatte es diese Möglichkeit nicht gegeben.

Eine neue Lektion begann. Sie behandelte die Entstehung der unterirdischen Siedlung, in der sie sich befanden.

Zu dem Zeitpunkt der Klimakatastrophen und der offiziellen Abschaffung der menschlichen Regierung, die nach dem freien Willen der damaligen Menschen vollführt worden war, hatte es eine alternative Bewegung gegeben, deren Zahl der Anhänger sich auf wenige Tausend begrenzen ließ.

Sie wehrten sich dagegen, in einen Zustand der selbstverschulde­ten Unmündigkeit abzurutschen. Sie zogen sich in stillgelegte Bergwerke zurück, bauten sie immer weiter aus und kultivierten sie. Die Kuppel in ihrer jetzigen Form entstand.

Es dauerte nicht lange, bis der Kontakt zur Oberfläche abgebrochen war. Aber die unterirdische Siedlung war autark. Sie hatte eine eigene Energieversorgung (die Konstruktion, die Rodnay und Cynthia zu Beginn entdeckt hatten) und eigene Ressourcen. Ab und zu verirrten sich einige Bewohner der oberen Stadt zu ihnen, und die Meisten wollten bei ihnen bleiben. Die Bevölkerungszahl wurde immer auf ungefähr dreißigtausend gehalten, um eine Überbevölkerung zu vermeiden. Das hieß nicht, das man ältere Menschen tötete, man regelte nur den Nachwuchs über eine strenge Geburtenkontrolle. Schwanger werden durfte man nur mit Erlaubnis.

Das Gesellschaftssystem war ein unverdorbener Kommunsismus, der funktionieren konnte, da es keine anderen Systeme gab, mit denen man politisch oder wirtschaftlich konkurrieren mußte. Es gab keine Mangelerscheinungen wie in den kommunistischen Systemen des zwanzigsten Jahrhunderts; alle Produkte waren in ausreichender Zahl vorhanden, jedem Bedürfnis konnte man gerecht werden. Außerdem war es kein autoritäres System, sondern eine Demokratie (was bei lediglich dreißigtausend Bürgern auch kein großes Problem mehr war). Religionen gab es zwar noch, aber man hatte darauf verzichtet, sie in Kirchen zu organisieren. Auch in diesem Punkt hatte man aus der Vergangenheit gelernt.

Die einzige Gefahr stellte das Computer-Regime auf der Oberfläche dar. Häufig hatte es Sabotage-Akte von Seiten der Maschinen gegeben, niemals jedoch eine Offensive, die wirklich gefährlich gewesen wäre. Das rührte wahrscheinlich daher, daß das Elektronenhirn die Stärke der Siedlung nicht einzuschätzen wußte. Aber es reichte aus, um ständig auf der Hut zu sein und sich nicht im Schlaf überrumpeln zu lassen.

Zum Abschluß der Lektion wurden Cynthia und Rodnay in das Projekt Phönix unterwiesen. Das Raumschiff sollte in einem Monat fertiggestellt und getestet werden. Nach Ablauf eines weiteren Monats sollte es seine Reise antreten. Es sollte nach einer Welt suchen, die den Passagieren eine Überlebensmöglichkeit bieten sollte, wenn die Erde zu existieren aufgehört hatte. Während die Besatzung im Tiefschlaf lag, würde das Schiff weitgehend selbstständig andere Planetensysteme aufzusuchen und überprüfen. Jahrhunderte könnten verstrichen sein, bis eine Welt gefunden war, die den Anforderungen entsprach und die Besatzung aus dem künstlichen Winterschlaf geweckt werden konnte.

Zusätzlich zu den Menschen, die an Bord waren, war eine Unmenge genetischen Materials gesammelt worden, damit das Schiff selbstständig eine neue menschliche Kolonie anlegen konnte, sollte die Besatzung durch irgendeinen Umstand nicht überlebt haben. Nützlich war diese Einrichtung in jedem Falle. Mit ihrer Hilfe konnte die Bevölkerungszahl auf schnellstem Wege erhöht werden. Durch sie konnten auch diejenigen indirekt weiterleben, die auf der Erde zurückbleiben mußte. Sie hatten wenigstens den Trost, daß irgendwo in der Galaxis ihre noch ungeborenen Kinder eine neue Heimat errichten konnten.

Am Ende des Lernprogramms ließen Raimund und John, der inzwischen wieder zurück war, den Beiden genügend Zeit, das Aufgenommene zu verarbeiten. Anschließend brachte John sie zu ihrer Wohnung, die aus einem Doppel-Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche und Bad bestand. John war davon ausgegangen, daß Cynthia und Rodnay ein Paar waren. Diese Annahme war zwar nicht ganz richtig, aber auch nicht gänzlich falsch. Sie brauchten nur die nötige Zeit, zusammenzufinden. Keiner von ihnen sagte jedoch etwas, als John ihnen das Schlafzimmer mit dem Doppelbett zeigte.

“Ihr solltet jetzt schlafen”, sagte John zum Abschied. “Ihr habt viel erlebt, viel erfahren. Mehr als normalerweise zumutbar ist, glaube ich. Denkt in Ruhe über alles nach und erholt euch richtig. Ich komme morgen wieder vorbei und zeige euch die Stadt und die Phönix. Macht’s gut!” Er lächelte ihnen freundlich zu und verschwand.

Rodnay legte seine Arme um Cynthia und sagte: “Laß uns schlafen gehen.”

Als Antwort schmiegte sie sich zärtlich an ihn und folgte ihm ins Bett, wo sie bis zum nächsten Tag schliefen.

Und als sie erwachten, liebten sie sich.

VI

Sie hatten gerade ein gemeinsames Bad genommen, als John sie besuchen kam.

“Hallo ihr Zwei”, sagte er freundlich. “Na, wie geht es euch heute?”

“Gut”, sagte Cynthia für sie. “Und selbst?”

“Ich kann nicht klagen”, antwortete er. “Können wir dann mit der Führung anfangen?”

“Gerne”, sagte Rodnay. “Wo hast du denn Tolkien gelassen?”

“Der ist mit Elsa auf Patrouille.”

“Warum bist du nicht mit?”

Er grinste. “Dann hätte ich mich doch nicht um euch kümmern können. Außerdem kann Elsa das auch sehr gut ohne mich. Sie ist eine tolle Frau, weißt du, aber ab und zu brauche ich auch meine Ruhe vor ihr.”

Rodnay nickte verständnisvoll. Sie wollten gerade die Wohnung verlassen, als Cynthia sagte:

“Ach, John. Hast du vielleicht noch so eine… na, wie heißen sie doch gleich?”

“Eine Zigarette? Ja sicher. Wir können dir gleich welche besorgen, wenn du möchtest.” Er gab ihr eine und dann gingen sie weiter zur Magnetbahn. Cynthia hustete wieder ein wenig, aber wenn sie so weitermachte, würde sie sich bald daran gewöhnt haben.

Sie fuhren durch die Stadt und John zeigte ihnen das Einkaufsviertel, das Vergnügungsviertel, den Park, die Felder, das Fabrikgelände, kurz: alles, was wichtig war in der Siedlung. Anschließend steuerten sie den Tunnel an, der zu der Phönix führte.

“Seit drei Jahren wird schon an ihr gebaut”, erklärte John, “und jetzt wird sie endlich fertig. Kaum daß wir die Umlaufbahn des Mondes geprüft hatten, haben wir mit der Planung und dem Bau begonnen. Alles, was wir tun, konzentriert sich ausschließlich auf das Schiff. In ungefähr fünf Monaten wird die Lage des Mondes kritisch für die Erde, und ein paar Wochen danach wird es all das hier nicht mehr geben. Noch weiß niemand, wer mit auf den Flug darf und wer nicht. Das wird erst eine Woche vor dem Start bekannt gegeben. Ich glaube nicht, daß es eine Panik oder so etwas geben wird. Wenigstens hoffe ich das. Es wäre bedauernswert, wenn geschossen werde müßte, um das Schiff zu verteidigen.”

Sie erreichten die Aussichtskuppel und hielten an. Die Phönix war keine Schönheit, wie man vielleicht erwartet hätte, aber sie besaß ihre eigene Eleganz. Sie war nach funktionellen Gesichtspunkten geschaffen worden, denn für Ästhetik war keine Zeit gewesen. Aber sie verhieß Hoffnung, den Aufstieg aus der Asche.

“Es war ungeheuer schwer”, sagte John mit einer stolzen Stimme, “sie unter Wasser zu bauen. Aber wir haben es geschafft. Leider kann nur jeder Dritte mit. Sämtliche Rohstoffe haben wir für sie aufbrauchen müssen, all unser technisches Wissen. Drei Jahre hatten wir Zeit, und es ist vielleicht enttäuschend, daß wir nur für zehntausend Platz schaffen konnten. Aber ihr dürft nicht vergessen, daß wir alles mögliche andere auch noch mitnehmen mussten: Werkzeuge, technisches Gerät, Computeranlagen, in denen Daten über die menschliche Geschichte und Kultur gespeichert sind, genetisches Erbmaterial und noch vieles mehr. Sie ist unsere Arche Noah, die mit annähernder Lichtgeschwindigkeit eine handvoll Auserwählter in die Unendlichkeit tragen wird.”

Johns Augen waren verklärt. Er liebte dieses Schiff und träumte von den Welten, an denen sie vorüberfliegen würde. Und er träumte von der Welt da draussen, die die zukünftige Heimat seiner Rasse werden sollte.

Ja, die Phönix war gigantisch, sowohl in ihren Ausmaßen wie auch in der Leistung, die sie vollbringen sollte. Ehrfürchtig bewunderten sie das Werk der letzten Jahre. Doch selbst all die Bewunderung verdrängte nicht den Gedanken, der Rodnay in diesem Moment befiel, den er jedoch nicht aussprach: Sie wird die Menschheit als solches retten, doch wird sie auch mich und Cynthia in ein neues Leben tragen?

VII

Die letzten Tage der Erde verstrichen. Cynthia und Rodnay hatten sich eingelebt und halfen, wo sie nur konnten. In ihrer Freizeit trafen sie sich häufig mit John, Elsa und Tolkien und freundeten sich mit ihnen an. Sie hofften, alle fünf mit auf den Flug zu dürfen, doch niemand redete darüber, weder sie noch sonst jemand in der Stadt. Die Phönix und der Flug waren ein Thema, das tabuisiert schien. Die Menschen versuchten den Gedanken an den Untergang zu verdrängen.

Dann kam der Tag des Testflugs.

Alles erbebte, als die gewaltigen Triebwerke gezündet wurden und Nichelle, die Kommandantin des Schiffes, den Befehl zum Aufsteigen gab. Der Testflug dauerte nur wenige Stunden. Die Phönix flog nur zum Mond und wieder zurück. Der Test sollte lediglich Belastbarkeit und Geschwindigkeit der Triebwerke testen.

Als das Ergebnis der Prüfung mitgeteilt wurde, waren die Freudenrufe groß.

Bis auf einige Kleinigkeiten arbeitete alles einwandfrei!

Doch dann kam eine Nachricht, die alle nachdenklich stimmte. Immerhin war es nicht eindeutig, ob sie besorgniserregend war.

Während des Fluges hatte man ein anderes Raumschiff gesehen, dessen Bau fast fertig zu sein schien.

Dabei handelte es sich um die Genesis, das Schiff der Maschinen. Einer der Gründe für die Tötung der Menschen in der Stadt.

Selbstverständlich war die Genesis viel kleiner als die Phönix, denn sie war ja nicht für die Rettung von Menschen erdacht worden. Sie beherbergte lediglich einen komplexes Computerhirn und sämtliche zur Verfügung stehenden wissenschaftliche Daten. Dazu kamen einige Roboter, Rohmaterialien und all das, was ein Computer zur Errichtung einer Maschinenkultur benötigte - wo auch immer die Maschinen das vorhatten. In erster Linie jedoch diente die Genesis zu Forschungszwecken. Sollte sie einen Planeten mit einer Vielfalt an Rohstoffen entdecken, so lag es in ihrer freien Entscheidung, ob sie dort landen und eine Kolonie errichten wollte. Wenn sie das getan hatte, würde sie ohnehin weiterfliegen, um andere Sternensysteme zu erforschen und eventuell weitere Welten zu kolonialisieren.

Das Computer-Projekt war viel langfristiger angelegt als das der Menschen, es unterlag ja auch ganz anderen Bedürfnissen und Zielsetzungen. Doch eine Gefahr lauerte darin. Was wäre, wenn die Genesis einen Planeten zu kolonialisieren beabsichtigte, auf dem es schon Leben gab? Oder wenn dies sogar der Planet war, auf dem die Phönix zuvor gelandet war?

Doch zu ihrem Glück oder Unglück wußten John und seine Leute nicht, welche Pläne die Elektronenhirne mit ihrem Schiff hatten. Sie konnten nur hoffen, daß es nicht zu Komplikationen kommen würde.

Dann kam der Tag der Bekanntmachung. Jeder Bewohner der Siedlung erhielt eine versiegelte Nachricht, in der er mitgeteilt bekam, ob er mit auf den Flug durfte oder nicht.

John ließ seine Nachricht mehre Tage und Nächte geschlossen, bis er den Mut fand, sie zu öffnen. Nachdem er die Mitteilung gelesen hatte, betrank er sich.

Ähnlich erging es Rodnay und Cynthia, als sie ihre Mitteilung lasen. Sie waren als Paar vermerkt und erhielten deswegen nur eine Nachricht. Man wollte keine Paare trennen, also würden sie zusammen leben… - oder sterben!

In der Nacht nach der Mitteilung hatte es einige Selbstmorde gegeben. Andere wiederum hatten versucht, sich in das Schiff zu schleichen und sich dort zu verstecken. Das Sicherheitspersonal hatte sie gewaltsam vertreiben müssen.

Einige wenige hatten sogar versucht, die Phönix zu beschädigen. Sie wollten niemandem das Leben gönnen, wenn es ihnen selbst genommen werden sollte.

Doch all das war erst der Anfang. Wirklich katastrophal wurde es erst am Tage des Starts.

VIII

Das Beben erschütterte die Nacht, rüttelte alle Bewohner der Siedlung aus ihrem Schlaf. Rodnay sprang in seine Kleidung und rannte aus der Wohnung.

Hoffentlich ist nichts mit der Phönix!blitzte der Gedanke durch seinen Kopf. Er nahm eine Magnetbahn und raste mit höchster Geschwindigkeit zu dem Raumschiff, wo er auf John traf. Das Schiff war in Ordnung.

“Was ist passiert?” rief er zu John herüber noch ehe er bei ihm war.

“Die Genesis ist gestartet, würde ich sagen”, antwortete er. “Es ist fast enttäuschend, wie desinteressiert sie die letzten Wochen über an uns waren. Ich glaube, von jetzt an werden wir überhaupt nichts mehr zu befürchten haben. Es hätte keinen Sinn mehr, uns anzugreifen. Es sei denn, sie dulden nicht, daß der Mensch in das Universum vorstößt. Aber das…”

Weiter kam er nicht. In einiger Entfernung war eine starke Explosion zu hören. Die Ausläufer der Erschütterung wurden bis zu ihnen hingetragen.

“Wir müssen sofort evakuieren!” brüllte John einem in der Nähe stehenden Sicherheitsoffizier durch das Dröhnen der Explosion zu. “Wir müssen sie aufhalten bis alle an Bord sind.” Dann wandte er sich an Rodnay. “Hol Cynthia, Elsa und Tolkien her. Und beeil dich!”

Rodnay sprang in das Gefährt und fuhr so schnell wie es ging zurück in die Stadt. Während er auf ihre Wohnung zusteuerte, konnte er an einem Ende der Kuppel einige hundert Roboter ausmachen, die das Feuer auf die Stadt und die Truppen eröffnet hatten, die sich ihnen bisher entgegenstellen konnten.

Das Gefährt hielt an und Rodnay hetzte in die Wohnung, um Cynthia zu holen.

“Was ist…” sah sie ihn fassungslos an. Sie wußte noch nichts.

“Ein Angriff”, keuchte er. “Wir starten jetzt schon.” Dann hatte er sie schon am Handgelenk ergriffen und zerrte sie hinter sich her. “Wir müssen Elsa und Tolkien noch holen.”

Die Magnetbahn fuhr wieder los. Alarmsirenen gellten überall in der Stadt. Schüsse und Explosionen waren zu hören. Doch die Roboter konnten nicht aufgehalten werden. Langsam, aber stetig drangen sie vor und vernichteten dabei jeden einzelnen Meter der Stadt. Die Menschen dort unten würden das Ende ihrer Welt nicht mehr erleben.

Eine Granate schlug in das Haus ein, in dem Elsa und John lebten. Tolkien winselte um die Trümmer herum.

Entsetzt blickten Rodnay und John auf die Ruine. Mit Tränen in den Augen schlug Rodnay wütend mit der Faust auf den Wagen. Tolkien schnüffelte in den Trümmern herum. Dann blieb er an einer Stelle stehen und zerrte an etwas.

Cynthia lief zu ihm herüber. Elsa lag unter einigen Trümmerstücken begraben, aber sie lebte noch.

“Hilf mir!” rief sie ihrem Partner zu, der immer noch am Wagen stand. “Elsa liegt hier drunter, sie lebt noch!”

Rodnay sprang zu ihr und half ihr, das Geröll zu entfernen. Darunter kam eine blutige, ohnmächtige Elsa zum Vorschein.

Sie mussten schnell zu der Phönix, das war ihre einzige Chance. Um sie herum war ein Inferno von Granaten, Leichen, Trümmern und Schüssen. Die Roboter hatten schon zwei Drittel der Stadt erobert. Die Zeit wurde knapp. Ein Geschoß knallte an die Wand des Tunnels, als sie in ihn hineinfuhren.

Vor der Einstiegsöffnung der Phönixwar ein Chaos. Unzählige Menschen wollten in das Schiff. Das Wachpersonal kam nicht mehr gegen die Leute an. Sie mussten schießen, um sich Respekt zu verschaffen. Doch es nützte nichts. Zehntausend konnten nur mit, und mittlerweile war es egal, wer das war. Niemand kontrollierte mehr, ob einer die Erlaubnis dazu hatte oder nicht. Es war vollkommen gleichgültig geworden. Man konnte froh sein, wenn überhaupt noch die Zeit blieb, soviele mitzunehmen, wie geplant war. Sollten die Roboter vorzeitig den Tunnel heraufkommen, mußte das Schiff notstarten.

Rodnay und Cynthia trugen Elsa gemeinsam zu der Noteinstiegsluke, in der John auf sie wartete. Er war nervös und als er Elsa sah, wurde er bleich wie eine frischgeweißte Wand.

“Sie ist nur verletzt”, rieg Rodnay ihm zu. “Sie braucht Hilfe.”

John half ihnen, sie in das Innere des Schiffes zu bringen. Sie trugen sie zu der Krankenstation der Phönix. Dort nahm sich ihrer ein Arzt an. Sie war zwar nicht die einzige Verletzte und würde mit Sicherheit auch nicht die letzte bleiben, aber dennoch wurde sich sofort um sie gekümmert. John und die anderen jedoch bat man, irgendwo hin zu gehen, um die Arbeit nicht zu behindern. Widerwillig taten sie, was man ihnen sagte. Tolkien wollte sich nicht von Elsa trennen. John musste ihn forttragen.

Sie gingen auf ein Deck, an dem Sichtfenster angebracht worden waren und beobachteten die Lage außen. Die Triebwerke wurden plötzlich gezündet, das ganze Schiff vibrierte. John glaubte trotz des Lärms der Triebwerke die Schreie der Menschen zu hören, die sich dort draussen in den Eingang drängten.

“Bitte halten Sie sich fest”, drang die Stimme der Kommandantin über die Lautsprecher zu ihnen. “Wir müssen in wenigen Sekunden notstarten.”

Sie wartete noch einige Augenblicke, bis der erste Roboter aus dem Tunnel herangeschwebt kam und das Feuer auf die Menschen eröffnete. Dann schloß sie die Einstiegsöffnungen.

Verzweifelt hämmerten Fäuste gegen sie, die zu Menschen gehörten, die es nicht mehr geschafft hatten. Schreie erfüllten die Luft, wurden von den Schiffsrakten und von den Schüssen und Explosionen erstickt. Sie würden nicht mehr lange leiden müssen. Die Roboter würden sie erlösen.

Die Phönix erhob sich aus der Asche ihrer Heimatwelt, würde nie mehr dorthin zurückkehren. Irgendwo dort draussen im Universum würde sich das Schicksal der Menschheit erfüllen, würde eine neue Welt für sie bereit sein.

Das Schiff verließ die Erdatmosphäre, verharrte einen Moment im Orbit des Planeten, um den Menschen an Bord einen letzten Blick auf die sterbende Erde zu gewähren. Dann beschleunigte es auf annähernde Lichtgeschwindigkeit, flog gemächlich an Mars, Saturn und Jupiter vorbei und verließ das Sonnensystem.

IX

Elsa war wieder genesen. Nur knapp achttausend Menschen hatten es bis an Bord der Phönix geschafft. So war selbst für Tolkien eine Tiefschlafkabine frei. Doch wichtig in diesem Moment war nur, daß es dennoch soviele geschafft hatten, da